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Borillo an der Oberfläche
"Der allerletzte
Maulwurf hat nun das dunkle Erdreich verlassen und ist Bewohner der
Oberfläche geworden. Wie fühlen Sie sich, werter Herr Maulwurf, oder
sind Sie gar eine Madame Maulwurf, daß Sie jetzt bei uns an der
Sonne sind und für immer bleiben dürfen?" Der junge schicke
Fernsehmoderator kicherte etwas abgründig, als sei ihm mit der
Anspielung auf die Geschlechtlichkeit eines Maulwurfs ein besonders
feiner Spaß geglückt. Borillo war völlig verwirrt: "Was, was soll das bedeuten?" Es waren die ersten Worte, die er sprach. (Maulwürfe sprechen nur sehr selten. Ihre Sache ist es nicht, viele Worte zu verlieren, sondern vielmehr, sich zu orientieren, konsequent und folgerichtig zu arbeiten und sich ihre Wege selbst zu bahnen.) Er fühlte sich in dieser Situation aber ohne Zweifel im Recht, Aufklärung über den sonderbaren Anlaß zu verlangen, dessen Mittelpunkt er offensichtlich war. Außerdem mußte gegen die Behinderung seiner Bewegungsfreiheit, welche ihn noch mehr schmerzte, sogleich Protest erheben. "Er weiß es nicht, er weiß es wirklich noch nicht!", jubelte eine junge Reporterin in einem engen hellblauen Kostüm. "Wie entzückend, er lebt wirklich hinter dem Mond... na ja, hinter der Erde", fügte sie leicht angewidert hinzu. "Wie kann auch einer, der unter der Oberfläche sein Leben fristet, vom Lauf des Lebens wissen. Nun gut, verehrter unterirdischer Freund, ich will es ihnen erklären, zumindest will ich es versuchen: Wir haben ein eigenes Stück auf der großen Maulwurfsfarm für jeden von euch reserviert, dort findet jeder Maulwurf ideale Lebensbedingungen, auch eine kleine Höhle und einen kleinen Teich zum Waschen. Für Futter und Unterhaltung wird gesorgt, alle Ihre Artgenossen befinden sich bereits dort. Einzige Bedingung ist, daß Sie nie wieder unter die Erdoberfläche hinunter dürfen. Deshalb der Handschuh. Eine reine Sicherheitsmaßnahme, Sie verstehen doch hoffentlich. Übrigens, wie gefällt er Ihnen, es ist der schönste von allen für den letzten aller grabenden Maulwürfe...." Und dann erklärte die Journalistin dem vor Entsetzen sprachlosen Maulwurf, wobei ihr die anderen Presseleute assistierten, wie man eine Maulwurfstiftung ins Leben gerufen habe, wieviel die Maulwurffarm kostete und wie man deren Betrieb sicherstellen würde bis in alle Zeiten. "Und warum das alles, bitte, warum?" Unser kleiner tapferer Maulwurf verstand überhaupt nichts mehr. Maulwurf sein und nicht mehr graben dürfen? Was um alles in der Welt kann ihm sein natürliches Recht, das Innere der Erde, streitig machen? "Er weiß es nicht, er weiß es nicht, er hat keine Ahnung, seht, wie entzückend!" Die Berichterstatterin im rosaroten Kostüm hätte fast einen Luftsprung getan, wenn sie ihr enger Mini nicht daran gehindert hätte. Nun schaltete sich aber ein junger Mann in grauem Anzug, geziert von einem verwegenen Fünftagesbart, ein. Er trat vor das Mikrofon und stellte sich als Regierungsvertreter dieses Distrikts vor, räusperte sich vornehm und begann:
"Lieber Maulwurf, meine
geschätzten Damen und Herren! In unserer Gesellschaft liebt man das
Licht und die Sonne. Wir haben nichts zu verbergen, wir lieben und
schätzen, was wir sehen können. Wie Sie alle wissen, hat hier gerade
unsere Partei hervorragende Arbeit geleistet und eine Politik der
sichtbaren Oberfläche verwirklicht. Wie Sie aus den Medien
sicherlich wissen, gründeten wir das Projekt Maulwurfsfarm ins Leben
gerufen und durchgeführt. Mit diesem letzten Exemplar nun darf ich
das Projekt als abgeschlossen bezeichnen, welches Licht für alle
Lebewesen bedeutet und kein zwei- oder vierbeiniges Lebewesen mehr
im Dunkeln läßt.
An den Maulwurf
gerichtet, fuhr er fort: "Sie können unter kontrollierten
Bedingungen den Beruf eines Grabungsarbeiters in unseren künstlichen
Gartenanlagen ausüben. Sie können Designer für Maulwurf-Clothing
werden. Das wäre überhaupt noch eine Marktlücke. Denn, auch das muß
allgemein klar sein: wir können auf Dauer nicht dulden, daß Sie und
Ihre Art weiterhin wild und nackt herumlaufen. Wir alle benutzen
sorgfältig gestylte Waren, Designerdüfte, Designerkleidung. Dasselbe
steht Ihrer Gattung natürlich auch zu, ja, wir müssen sogar darauf
bestehen, daß Sie sich uns in diesen ernsthaften Dingen anpassen.
Applaus brandete auf. Borillo verspürte aus verständlichen Gründen keine Lust, mitzuklatschen. Er hätte es auch gar nicht vermocht, so eng steckten seine beiden großen Hände im rosarot lackierten ledernen Handschuh. |
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Walter Kiesenhofer, walkie@gmx.at |
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