Fro-Ho-Li  hüpft nicht mehr
 

In einem sanfthügeligen Gebiet des chinesischen Zentralraums lebte einst ein Teichfrosch der Gattung Rana esculenta, welcher sich im Lauf der Zeit geistig weiter entwickelte als seine unzähligen hüpfenden Gefährten dies taten. Zwischen den einzelnen Sprüngen dachte er beispielsweise darüber nach, ob jenseits der großen Wiese wohl etwas anderes sei als Gras, oder ob die Wiese alles wäre, das es gab, wie man allgemein seit Froschgedenken annahm.
Seine überaus zahlreichen Artgenossen am Teich  inmitten der großen Wiese fingen ihre Fliegen und sonstiges Kleingetier mit freudigem Eifer und interessierten sich darüber hinaus höchstens für die Fortpflanzung, und das auch bloß zeitweilig. Daher klang ihr Gequake ziemlich eintönig und phantasielos, fand der hüpfende Held unserer Geschichte, dem wir den ehrenvollen Namen Fro-Ho-Li zuerkennen wollen.

Diesen besonders klugen Frosch bewegten Gedanken, die in mancher Weise höher ausfielen  als seine Sprünge. Ja, eines Tages spekulierte er gar über Gott. Er saß ruhig am Teich, ließ die Insekten Insekten sein und kontemplierte. In der Tat, es musste einen großen Frosch geben, der über alle Frösche wachte, sie am Leben erhielt und ihnen Futter und Regen bescherte! Irgendwann stellte er sich vor, dieser Gott müsse nicht einmal Froschschenkel besitzen wie sie alle, sondern sei viel wahrscheinlicher mit dem Geschlecht der Menschen verwandt, die hin und wieder an seinem Teich auftauchten, um Karpfen herauszuholen.  

Ein paar Tage später hatte diese Idee in seinem Wurzeln geschlagen. Er verehrte Gott inbrünstig, brachte ihm Mücken auf einem kleinen Altar aus Blättern dar und senkte seine Stimme allmählich zu einer Tonlage ab, welche würdiger als das allgemeine Gequake klang. 

Zugleich wünschte er sehnlich, das Froschgehüpfe ganz aufzugeben und stattdessen Beine zu besitzen wie ein Mensch. Auch sein Benehmen änderte sich in diese Richtung. Er fand alles Gequake öde und zog sich zurück, wenn sich seine Brüder und Schwestern an bestimmten Abenden zu Quakkonzerten fanden.  

Das fiel den Froschältesten bald auf. Sie fragten ihn daher eines Abends sehr höflich, ob er vielleicht krank sei und ob man ihm stärkende Kräuter der Wiese bereiten solle. Er jedoch erwiderte ihnen ganz geheimnisvoll, er sei im Gegenteil ganz gesundet, ja erwache soeben aus einem tiefen Traum. Was durchaus der Wahrheit entsprach, denn es breiteten sich immer neue Erkenntnisse in ihm aus.  

Der große Geist der Frösche, dem die Persönlichkeitsentwicklung dieses einen Frosches nicht entgangen war, beschloss daher eines Tages, ihm das zu schenken, was er sich am sehnlichtsten wünschte: nämlich Beine, wie sie die Menschen besaßen!

Und so erwachte unser wackerer Frosch eines schönen Morgens mit zwei nackten Beinen, die nach Menschenart geformt waren. Die kräftigen abgewinkelten Schenkel, die lediglich Hüpfen als Fortbewegungsart zuließen, waren verschwunden. Er jubelte und sang ein spontanes Loblied, das alle Frösche des Teiches anlockte. Immer wieder pries er darin die Gnade des großen Froschgeistes und die Güte des großen mächtigen Menschengottes, denn von welchem dieser beiden Götter er das ersehnte Geschenk bekommen hatte, wusste er nicht. 

Anfangs bewegte Fro-Ho-Li sich zwar noch recht ungelenk auf seinen zwei nach Menschenart gestalteten Beinen. In wenigen Stunden jedoch entwickelte er bereits eine Eleganz, dass er von den anderen bewundert wurde. Ununterbrochen ließ er an diesem Tag den glorreichen Lobgesang hören, wobei seine Stimme immer sonorer und tiefer klang. Vor allem die jungen Laubfrösche aus der großen Familie des Teiches bewunderten ihn und sprachen bald von einem „Heiligen“.  Am dritten Tag schritt Saint Fro-Ho-Li bereits den kleinen Fußsteig, der am See vorüberführte, würdevoll entlang. Immer mehr und mehr Frösche schlossen sich ihm an und folgten auf ihre nach Ahnenweise hüpfende Art in gebührendem Abstand.  

Der schmale Pfad der Menschen führte nach etwa hundert Metern in die große Wiese hinein. Kein Frosch war diesem jemals so weit gefolgt. Unser voll erwachter Frosch tat es nun jedoch mit der größten Selbstverständlichkeit und unter ständiger Rezitation des Lautes, der sich durch die tiefere Stimme herausgebildet hatte. Er klang wie „kwookh“ und erinnerte an die buddhistischen Choralgesänge der frommen Mönche oben auf dem Kloster des Berges, zu welchem der Fußsteig führte.  

Fro-Ho-Li wusste natürlich nichts davon, dass er den Weg der Mönche wandelte und ließ sich allein von seiner Frömmigkeit leiten. Ihm nachfolgend eine Schar von gut fünfzig Fröschen aller Altersgruppen, überwiegend aber solche jugendlichen Alters. Sie versuchten, es ihm gleichzutun und hielten ihre Sätze bei der Fortbewegung möglichst flach und kurz.  Dabei schwiegen sie die ganze Zeit, um den edlen Gesang ihres Führers nicht zu stören. Die Sonne stieg höher, das Gras links und rechts verlor die Feuchtigkeit der Nacht. Da sie sich außerdem weiter vom vertrauten Teich wegbewegten als jemals zuvor, bemächtigte sich ihrer allmählich eine gewisse Unruhe. Und so fasste sich der Mutigste der Schar ein Herz, hüpfte nach vorn zum Meister und fragte sehr bescheiden, wobei er sich immer wieder verbeugte, ob es nicht Zeit zum Umkehren sei. 

Eine kurze Weile überlegte dieser sehr würdevoll und wiegte nachdenklich den Kopf. Dann sprach er zur kleinen Schar seiner Gefolgschaft: „Habt keine Angst, Brüder und Schwestern. Der große Geist aller Frösche wird uns zu rechter Zeit Regen senden und uns erquicken. Seid nicht kleingläubig, denn wir befinden uns auf dem rechten Weg!“ Dabei ließ er sich mit seinen Menschenbeinen nieder, indem er sie in der Art heiliger Männer überkreuzte und hielt eine sehr weise Rede über die Wege zur Erleuchtung. Die Schar der Frösche lagerte sich um ihn und lauschte ihm andächtig.

Plötzlich erhob sich von weitem ein Geräusch. Alle vernahmen es. „Oh,“ rief der gläubigste der Frösche in einer kurzen Sprechpause des Meisters (auch dieser hatte das Geräusch vernommen), da hört man Donner, bald wird der Große Geist den Regen senden, den Ihr versprachet, Meister!“ Als er sich im Überschwang der Gefühle zu diesem verneigte, wäre er beinahe vornüber gestürzt, da seine Froschschenkel viel zu lang für Verbeugungen waren. „Ja“, entgegnete Fro-Ho-Li würdevoll, der Herr sendet Regen zur rechten Zeit für alle Frösche, die an ihn glauben. Wir bleiben hier und werden das Nass gemeinsam empfangen. Dann erst setzen wir unsere Reise fort.“ Daraufhin begann er wieder mit der Rezitation von „kwookh“, diesmal noch sonorer und inbrünstiger als zuvor. 

Das von allen wahrgenommene Geräusch schwoll verhältnismäßig rasch an. Zum tiefen Brummen des Motors des Traktors gesellte sich nun auch das helle singende Geräusch der Messer des Mähbalkens. Denn es war der Bauer, der mit seinem chinesischen Traktor (Marke: Der Osten ist rot) dabei war, die Wiese zu mähen. Die Erde bebte. Die Frösche sprangen unverzüglich auf, als sie die Gefahr realisierten und hüpften mithilfe ihrer starken Beine rasch zurück zum Teich. Gerade noch rechtzeitig. Denn der Mähbalken ging nur Sekunden später über die Stelle, wo sie alle gelagert hatten.  

Und Fro-Ho-Li? Nun, er sprang so wie die anderen auf und versuchte, mit ihnen zurückzuhüpfen. Die kurzen Menschenbeine, die er sich so sehnlich gewünscht hatte,  erlaubten jedoch keine Geschwindigkeit, die ihn aus der Gefahr errettet hätte. Da waren die singenden Messer auch schon heran und mit unserem wackeren Fro-Ho-Li war es vorbei. Die anderen Frösche sprangen mit all ihrer Kraft so lange, bis sie wieder am Teich angelangt waren. Alle hatten sie überlebt.  

Ihren zurückgebliebenen großen Anführer aber hielten sie fürderhin in großen Ehren. Gar manche Legenden rankten sich mit der Zeit um ihn. Übernatürliche Fähigkeiten wurden ihm zugeschrieben. Manche meinten gar, er sei vom großen Geist persönlich zu sich geholt worden und beschütze sie seither vor Trockenheit und Storchengefahr.

Einige der damaligen Augenzeugen wollten gesehen haben, dass Fro-Ho-Li in Froschgestalt samt Menschenbeinen schnurstracks in den Himmel aufgefahren sei, als sie sich zur Flucht wandten. Ob in den Fröschehimmel oder in den Menschenhimmel, das weiß freilich niemand zu sagen…..

 

Walter Kiesenhofer
walkie@gmx.at    

 
 

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