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ROTKÄPPCHEN UND DER FUCHS
Wie man aus dem Titel unschwer ersehen kann, soll uns
hier ein Märchen erzählt werden - und keine Fabel. Daß
ich die neue Variation einer alten Geschichte unter die
Fabeln reihe, liegt wahrscheinlich an der Sichtweise
- ich schrieb sie eigentlich mehr als Fuchs denn als Rotkäppchen!
Und für Füchse zählt ein rotbekapptes Mädchen, wenn es
auch keinen buschigen Schweif besitzt, dennoch mehr zu
den Eichhörnchen als zu Menschen. Noch dazu wenn sie so
leichtfüßig durch den Wald hüpfen wie unser Rotkäppchen
es trotz eines kleinen Weidenkorbes mit Wein und Kuchen
tat.....

Es war einmal eine
Mutter, die hatte eine Tochter, welche allerliebst
anzusehen war. Und da das Mädchen am liebsten ein
kleines rotes Käppchen trug, welches Großmutter ihm zum
letzten Geburtstage geschenkt hatte, wurde es allgemein
"das Rotkäppchen" gerufen.
Eines Tages nun litt die Mutter an
Brechdurchfall. Da sie an diesem Tag den Wald bis zum
Einbruch der Finsternis nicht durchqueren hätte können,
ersuchte sie Rotkäppchen, Wein und Whisky zur Großmutter
zu bringen, die in einem einsamen kleinen Häuschen am
anderen Ende des unheimlichen Gehölzes lebte. "Aber
nasch ja nicht wieder aus den Flaschen", ermahnte die
Mutter das Rotkäppchen, gab ihm einen Klaps auf den Po
und suchte wieder die Toilette auf.
Zuvor aber drehte sie sich noch um, rief das
Rotkäppchen, das bereits leichtfüßig enteilen wollte,
zurück und sprach in sorgenvollem Ton: "Gib gut acht,
Rotkäppchen, daß Dir nirgends der böse Wolf auflauert.
Du weißt ja, der frißt alles, ob jung ob alt, und er
kennt auch mit dir keinen Pardon! Wenn du ihn siehst,
dann rede auf keinem Fall mit ihm, hörst du,
Rotkäppchen, auf gar keinen Fall rede mit ihm!" Damit
hatte es die Mutter nun wirklich eilig, und das
Rotkäppchen sprang davon, indem sie der Mutter
zurückrief: "Mach dir keine Sorgen, Mutter, ich bin ja
schon groß!"
Es war ein wunderschöner Tag an diesem Tag,
und Rotkäppchen genoß es sehr, leichtfüßig unter den
freundlichen Bäumen dahinzueilen. Das Mädchen nahm
diesmal auch, weil es so warm war, das rote Käppchen ab
und ließ die blonden Haare fliegen. Bevor es zur
Großmutter kam, würde es das Käppchen schon wieder
rechtzeitig aufsetzen, es war ja ein Geschenk von ihr.
Rotkäppchen dachte nicht im entferntesten an den Wolf.
Als sie aber hinter einer Weggabelung ganz plötzlich ein
sonderbares Geräusch vernahm, kam ihr, eingedenk der
mütterlichen Ermahnungen, sogleich der Wolf in den Sinn
und sie verbarg sich hinter einem Baum.
Aber nicht der Wolf, sondern der Fuchs trat auf den Weg
heraus. Er blitzte sie aus kleinen Augen an, die
Rotkäppchen sogleich erspäht hatten, weil er einerseits
über eine hervorragende Nase verfügt und weil
andererseits das blonde Haar hinter dem Stamm
hervorleuchtete wie eine Reklametafel in einer
frühabendlichen Kleinstadtgasse. (Hätte Rotkäppchen doch
ihr Käppchen nie abgelegt!) Das gute Mädchen war
erleichtert, als es den Fuchs sah. "Oh, und ich dachte
schon, es wäre der böse Wolf!" Damit sprang es unbesorgt
hinter dem Baumstamm hervor und setzte nach einem
artigen Gruß seinen Weg fort. Von Füchsen hatte die
Mutter ja noch nie etwas gesagt.
Der Fuchs aber streckte seine Rute, reckte den
Kopf vor und ließ zwei Reihen schneeweißer Zähne
blicken. Dann machte er einen Satz auf das Mädchen zu
und packte es. Rotkäppchen war so überrascht, daß es
nichts von dem mitbekam, was ein hungriger Fuchs, seiner
inneren Natur gehorchend, mit einem Menschenkinde tut,
wenn eine Schar junger hungriger Mäuler daheim seit
Tagen schon auf Nahrung wartet. Er nahm sogar den Korb
mit dem Kuchen mit, sollten seine Kinder doch auch
einmal einen süßen Nachtisch haben! Es war einfach ein
wundervoller Tag für Füchse. Die zwei Flaschen und das
rote Käppchen ließ er am Wegrand zurück
So wartet die Großmutter noch immer auf ihr
Stärkung; und niemand weiß, ob sie das bis zum heutigen
Tag tatsächlich überlebt hat. Das rote Käppchen fand
einige Tage später der Jäger, der dem Wolf nachstellt.
Er brachte es, nachdem er sich zuvor am Inhalt der
gleichfalls zurückgelassenen Flaschen gütlich getan
hatte, der trauernden Mutter nach Hause. |
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