| Ein
Freund von mir erzählt mir immer wieder Geschichten von
einem gewissen Lie ben-Goth. Dieser Herr dürfte trotz seines
chinesisch anmutenden Vornamens Lie aus dem Nahen Osten
stammen. Der Beschreibung nach sieht er auch aus wie einer
dieser Imams mit diesen langen weißen Bärten, aber soviel
ich weiß, haben auch in anderen Ländern viele ältere Männer
solche Bärte, also könnte er ebensogut orthodoxer Grieche
oder Russe oder Hebräer sein. Korkenzieherlocken hat er aber
keine, sagte mein Freund auf eine diesbezügliche Bemerkung
meinerseits. Also wahrscheinlich doch kein Pope oder
Rabbiner. Immerhin auffällig genug in unseren Breiten,
ziemlich fremdartig. Jedenfalls muß Herr ben-Goth auf
meinen Freund großen Eindruck machen. Nach jeder Begegnung
verhält er sich nämlich eine Zeit lang sehr seltsam. Dann
macht er lange Spaziergänge und Stadtbummel oder fährt
stundenlang mit seinem Fahrrad die Gegend ab. Ich glaube,
insgeheim hofft er, ihm zufällig wieder über den Weg zu
laufen, was aber noch nie der Fall war. Er traf ihn bisher
immer rein zufällig, wenn er gar nicht damit rechnete, und
noch dazu an den unmöglichsten Plätzen. Im Museum, unter der
Brücke, im Schloßpark.
Mir scheint ja, daß dieser Herr ben-Goth unsteten
Aufenhaltes ist. Dafür spricht auch, daß ihn mein Freund
letztens auf den Stufen einer Kirche sitzen sah, neben einem
anderen Obdachlosen, mit dem er sich angeregt unterhielt.
Aber ehe mein Freund über der Straße war, um ihn zu
begrüßen, hat ihn das Auftauchen zweier Streifenpolizisten
verjagt. Touristenvisum scheint er jedenfalls keines zu
haben, sonst wäre er nicht so schnell verschwunden.
Vielleicht macht sich mein Freund auch Sorgen um seinen
Bekannten. Kürzlich erzählte er mir, Lie ben-Goth suche in
unserem Land schon lange nach Asyl bei den rechten Menschen,
aber da hat er sich wohl die falschen ausgesucht. Wäre
vielleicht unter den Linken leichter gegangen, andererseits
in Zeiten wie diesen weiß man das auch nicht mehr so genau.
Aufenthaltsgenehmigung kriegt er jedenfalls sicher nicht,
das weiß ich. Weil ich weiß, daß das Kontingent ausgeschöpft
ist. Und vermutlich fällt es Herrn Lie ben-Goth auch schwer,
nachzuweisen, daß er Arbeit, Einkommen und eine ausreichend
große Wohnung hat. Haben ja nicht einmal unsere Leute, und
die haben keine so chinesich-arabischen Namen. Und Job
bekommt er sicher auch keinen mehr, denn nach den
Erzählungen dürfte Herr ben-Goth schon ein sehr betagter
Herr sein, allerdings noch recht interessiert auf sein
Alter. Was ich so von meinem Freund gehört habe, müssen die
beiden auf dem Pfarrplatz gelegentlich ganz keck... aber das
sage ich jetzt nicht. Diese Geschichten von Herrn Lie
gehören wirklich nicht hierher, die hat mir mein Freund ganz
vertraulich unter dem Siegel absoluter Vertraulichkeit
erzählt.
Ein einziges Mal hab ich allerdings an den Geschichten
meines Freundes gezweifelt. Er hatte damals vielleicht
gerade eine kritische Phase durchzustehen, und da neigt man
ja bekanntlich dazu, zu dekompensieren. Wie ich einmal
gehört habe, heißt das soviel wie den Realitätsbezug
verlieren, ein bißchen spinnert werden eben. Oder mein
lieber Freund hat einfach ein bißchen zu viel gebechert an
diesem Glühweinstand auf dem Weihnachtsmarkt, sowas soll es
ja auch geben. Irgendetwas dieser Art muß es jedenfalls
sein, denn normalerweise hat mein Freund hat überhaupt keine
schizoiden Züge. Dafür ist er zu sehr Pykniker, und wenn man
diesen Typenlehren glauben darf, sind Menschen mit solchem
Körperbau dafür nicht so anfällig. Aber da kenne ich mich
nicht so gut aus.
Trotzdem: Zu behaupten, Herr Lie ben-Goth hätte sich
damals vor seinen Augen in Luft aufgelöst, halte ich für
ziemlich abstrus. Wahrscheinlich ist er einfach in der Menge
untergetaucht. Vielleicht hat er jemanden von der
Fremdenpolizei gesehen.
Mir sieht das Ganze eher danach aus, daß sie ihn doch
noch erwischt haben und abgeschoben. Jedenfalls wartet mein
Freund seit mehr als einem Jahr immer wieder auf die
Rückkehr von Herrn Lie ben-Goth, der hat ihm nämlich einmal
sein Skatebord zur Aufbewahrung überlassen, genauer gesagt
verschwand er wieder einmal auf diese typische abrupte Art,
was ich persönlich ja nicht unbedingt als ein Zeichen guten
Benehmens werte, aber andere Länder, andere Sitten....
Jedenfalls blieb das Skateboard einfach an das
Brückengeländer gelehnt stehen und mein Freund hat es in
seinen Keller gestellt zur Aufbewahrung. Sind ja teuer,
diese Dinger. Aber bisher hat es Herr Lie ben-Goth scheinbar
nicht für nötig befunden, es abzuholen. Seit längerer Zeit
hört man überhaupt nichts mehr von ihm, sagt mein Freund und
das macht mich traurig, weil mein Freund offensichtlich
wirklich Sehnsucht hat nach diesem seltsamen alten Mann.
Vielleicht finden wir aber jetzt doch etwas mehr über
diese ganze Geschichte heraus. Ich habe da neulich jemanden
getroffen, der Lie ben-Goth kennt. Sieht aus, als wären die
beiden Geschäftspartner.
Vorausschickend muß ich sagen, daß ich eine Marotte habe,
die ich regelmäßig pflege. Nach Einkäufen oder Erledigungen
gehe ich gerne noch auf eine Melange oder einen kleinen
Imbiß, am liebsten in Cafes oder Restaurants, die einen
angeschlossenen Beherbergungsbetrieb haben. Manchmal leiste
ich mir sogar einen kleinen Drink in der Lounge eines
besseren Hotels. Dort ist zwar alles ein wenig teurer, aber
im Foyer oder an der Bar zu sitzen gibt mir einen Hauch von
weiter Welt. Ich spiele sozusagen Urlaub und genieße die
internationale Atmosphäre, beobachte Touristen und Gäste und
denke mir dazu gelegentlich Geschichten aus.
In den letzten Monaten fiel mir dabei wiederholt ein Mann
auf, den ich, so wie er aussieht, vorerst für einen Briten
hielt: blaß, hochgewachsen und langknochig. Daß er mir
überhaupt so nachhaltig im Gedächtnis blieb, liegt an einem
anderen Faible von mir: Ich betrachte gerne Hände. Hände
merke ich mir leichter als Gesichter, und auch in diesem
Fall erregten die Hände früher meine Aufmerksamkeit als der
dazugehörige Mann. Sie waren allerdings auch bemerkenswert.
Genau von der Art, für die ich eine ausgesprochene Schwäche
habe und die ich, sowie ich sie sehe, zeichnen oder berühren
möchte: schmal, mit weißen, langen Fingern und geradezu
gotisch. Hände wie auf den Gemälden El Grecos. Bemerkenswert
eben. Hätte er andere Hände gehabt, es wäre mir nicht einmal
aufgefallen, daß sich unsere Wege verhältnismäßig oft
kreuzten.
Irgendwann ertappte er mich, wahrscheinlich habe ich zu
oft und zu auffällig hingeschaut, aber es schien ihn eher zu
amüsieren als zu stören, denn er nickte mir nachsichtig zu
und blätterte weiter in dem bunten Journal, das er gerade
las. Mittlerweile erkennen wir einander schon und grüßen uns
gegenseitig mit Blicken und einem leisen Lächeln. Es ist nur
noch eine Frage der Zeit, bis der Anstand einen gesprochenen
Gruß verlangt.
In einem kleinen Gasthof in der Krankenhausgasse -ich
hatte davor eine kranke Tante im gegenüberliegenden Klinikum
besucht- hörte ich nun neulich, wie er zur Rezeption gerufen
wurde, weil ihn ein Herr ben-Goth am Telefon zu sprechen
wünschte. Der Fremde scheint dort Stammgast zu sein, denn
das Mädchen, eine junge Französin, schien ihn gut zu kennen.
Offenbar heißt er Mister Mortimer, in ihrer Aussprache Mösjö
Mort Timäär! Mösjö Mort Timeeeer! (Ach, ich liebe diesen
melodischen Singsang und den französischen Akzent!)
Ich fragte mich, ob dies nun der Vor- oder Nachname war
und hätte ja gerne im Gästebuch nachgeschlagen, um den
ganzen Namen zu erfahren, aber einerseits hat man diese
Bequemlichkeit ja aus Datenschutzgründen abgeschafft, wie
ein mir befreundeter Schüler der Hotelfachschule kürzlich
erzählte, andererseits tut man solches einfach nicht, nicht
als halbwegs kultivierter Mensch und als Frau schon gar
nicht. Es würde einem unweigerlich als Neugierde ausgelegt,
und diese pflegt man doch eher im Geheimen und gibt sie
nicht einmal sich selbst gegenüber zu. Zudem war es auch gar
nicht nötig, zu diesem eher vulgären Mittel zu greifen, denn
als ich bezahlt hatte und am Ecktisch des Fremden
vorbeiging, war von diesem weit und breit nichts zu sehen,
dafür lagen einige Visitenkarten neben seiner Lesebrille.
Und auf denen stand der Name ohnehin.
"Mr. Mort Timer,
Reisender und Reiseleiter"
Ich wollte schon eines der Kärtchen aufnehmen, aber eine
unerklärliche Hemmung hielt mich davor zurück. Es wäre mir
plötzlich vermessen vorgekommen, als dürfte ich es auf
keinen Fall ohne sein Einverständnis tun. Außerdem kannte
ich nun ohnehin die Identität des Mannes, und etwas in mir
sagt mir mit Sicherheit, daß ich ihn nicht zum letzten Mal
gesehen habe. Unklar ist mir nur, warum ich ein beinahe
schmerzhaftes Verlangen habe, diesen Mister Mort näher
kennenzulernen und mit ihm ins Gespräch zu kommen.
In gewisser Weise kann ich nun besser verstehen, wie es
meinem Freund mit diesem Herrn Lie ben-Goth geht. Ich werde
ihm erzählen, daß ich möglicherweise eine Spur entdeckt
habe, wie er ihn ausfindig machen kann. |