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Michaels
Weihnachtswunsch
Eine Weihnachtsgeschichte aus
unserer Zeit
„Mama, weißt du die Adresse vom Christkind?“
Der kleine
Michael hatte begonnen, seinen ersten Brief an das
Christkind zu schreiben. Ein Blatt Papier lag auf seinem
Kinderschreibtisch, ebenso ein Briefumschlag. Die offene
Schultasche stand daneben auf dem Boden. Er schickte
sich gerade an, mit großen Buchstaben seinen großen
Herzenswunsch darauf zu schreiben.
„Du brauchst
keine Adresse, lieber Michi (das war sein Kosenamen
daheim), wir legen den Brief einfach in das Fenster,
wenn du fertig bist. Weißt du schon, was du dir wünschen
willst vom Christkind?“
Nun, es hätte
natürlich einige tolle neue Autos für seine
Spielzeugsammlung gegeben, die er sich wünschte. Auch
ein neues Fahrrad für das nächste Jahr wäre super
gewesen, weil ihm das alte schon zu klein geworden war.
Für den Winter einen Schlitten - vielleicht. Aber nichts
davon vermochte ihn wirklich zu locken. Sein
Herzenswunsch stand fest. Er schrieb ihn langsam und
ganz besonders schön auf das weiße Papier: ‚Liebes
Christkind. Ich wünsche mir Papa. Er soll wieder zu uns
kommen. Dein Michael“
Seine Mutter
sah ihm dabei über die Schultern. Sie sprachen beide
kein Wort, während er schrieb. Maria konnte ihren
kleinen Sohn gut verstehen. Auch sie war immer noch
zutiefst unglücklich darüber, dass ihr Helmut vor zwei
Jahren ausziehen musste und seitdem in einer anderen
Stadt ein sehr schweres Leben allein führte. Der Mann,
den sie wohl ein Jahrzehnt geliebt hatte, war dem
Alkohol zum Opfer gefallen. Er hatte ohne ihr Wissen im
Lauf weniger Jahre hohe Schulden angehäuft. Als eines
Tages der Gerichtsvollzieher in der Wohnung stand,
seinen „Kuckuck“ überall hinklebte und als Krönung des
Ganzen dann auch noch ihr Auto pfändete, fiel sie aus
allen Wolken. Sie hatte keine Ahnung von diesen Schulden
gehabt. Helmut sagte immer, wenn sie über Gelddinge
sprachen: „Es ist alles in Ordnung, brauchst dich um
nichts kümmern…“
Finanzielle
Dinge sollten niemals so wichtig sein, dass sie das
Leben zweier Menschen völlig durcheinander bringen.
Maria war aber nicht vom wirtschaftlichen Riesenproblem
allein, sondern viel stärker noch von dem
Vertrauensbruch getroffen, dass er ihr nie etwas von
seiner bedrückenden Lage gebeichtet hatte; und auch
nicht von seiner neu aufgeflammten Neigung zum Alkohol,
die er ihr anfangs mit allen Mitteln zu verheimlichen
gesucht hatte. Freilich, er schämte sich, weil ihm ja
schon in seiner Jugendzeit deswegen zweimal der
Führerschein entzogen worden war und er damals für lange
Zeit fast sein ganzes Geld, das er sich hart verdiente,
den Behörden als Strafe zahlen musste. Als Maria ihn vor
etwa zehn Jahren kennen lernte, waren diese Jugendsünden
vergangen und vorüber. Die beiden durften mit Recht
hoffnungsfroh in die Zukunft blicken. Nun jedoch, durch
die Last der Schulden, in welche er in der letzten Zeit
geschlittert war, suchte er wieder das Vergessen und die
falschem Tröstungen dieser gefährlichen Droge.
In der Tat
ist das eine sehr traurige Sache. Und sie passiert
leider Gottes einer zunehmenden Anzahl von Menschen in
dieser harten und seelenlosen Zeit! Wir wollen uns daher
auch nicht mit den traurigen Tatsachen aufhalten. Diese
Geschichte will ja schließlich eine echte
Weihnachtsgeschichte werden….
Helmut war
und ist im Kern seines Wesens ein guter Mensch. Er
benahm sich auch nie garstig zu Frau und Kind, selbst
als er kaum noch einen Tag ohne Alkohol auskam. Ganz im
Gegenteil: er wollte seiner kleinen Familie ein
komfortableres Leben bieten, als sie es bisher gekannt
hatten. In der großen Polstermöbelfabrik, wo er als
Tapezierer arbeitete, hatte er damals Verbesserungen im
Arbeitsprozess vorgeschlagen, ebenso technische Lösungen
gefunden, die man anerkannte. Dann aber hatte ihn der
Hafer gestochen: er machte sich selbständig, erwarb eine
Gewerbeberechtigung und begann, als Ein-Mann-Unternehmen
seine eigenen Kunden zu suchen. „Maria, jetzt werden wir
reich“, hatte er ihr öfter angekündigt und sie umarmt,
wenn er gute Geschäfte machte. Leider waren es nur
Kurzzeit-Erfolge, schillernde Seifenblasen. Aber niemals
hätte er ihr dies eingestanden. Lieber nahm er Kredite
auf und zahlte seine Sozialversicherung nicht ein, um
die er sich als Selbständiger nun selbst kümmern hätte
sollen.
In Wahrheit
hat er es damals ja gut gemeint mit seinen Lieben - und
doch ist alles ganz anders gekommen. Auch das kennen wir
vom täglichen Leben. Es gibt in Wahrheit viel mehr gute
Menschen auf der Welt, als es in unseren Medien mit ihre
überwiegend negativen Berichterstattung den Anschein
hat. Jedoch ist den Guten das Glück nicht immer hold;
mitunter sind sie sogar richtige Pechvögel. Sie können
machen was sie wollen, am Ende geht doch alles den Bach
hinunter.
Anfangs,
nachdem er weggezogen war, bestanden noch regelmäßige
Kontakte. Bald aber konnte er Michael nur noch alle paar
Wochen besuchen; nämlich dann, wenn er es schaffte, für
einen Sonntag nüchtern zu bleiben. Wie befürchtet, ging
sein Beruf flöten, ebenso natürlich der frühere
Firmenwagen. In letzter Zeit verfügte er nicht einmal
mehr über einen Telefonanschluss oder über ein Handy.
Unlängst wollten ihn gute Freunde von früher besuchen
und bei dieser Gelegenheit auch Michael mitnehmen. Sie
schlugen sich dies nach kurzer Aussprache mit Maria
jedoch aus dem Kopf, weil niemand wissen konnte, ob er
überhaupt zuhause war – und wenn sie ihn antreffen
würden, in welchem Zustand wohl.
Michael, dem
es nur kurz vergönnt war, sich über diese Gelegenheit zu
freuen, überraschend seinen Vater besuchen zu dürfen,
war natürlich sehr traurig. Für ihn war es eine weitere
Enttäuschung in einer Reihe unzähliger Enttäuschungen.
Er wusste, dass Papa krank wart, verstand aber nichts
von den Zusammenhängen mit der verhängnisvollen Wirkung
des Alkohols. Nicht einmal mit Mama war darüber klar zu
reden, weil sie alles in schöne Worte zu kleiden suchte
oder seinen Fragen einfach auswich. So musste der junge
Mann alles, was ihn so sehr bedrückte, in seinem kleinen
Herzen aufbewahren. Er verteidigte ihn bei jeder
Gelegenheit, wenn irgendjemand auch nur ansatzweise
schlecht über seinen Papa sprechen wollte. Gott sei Dank
wuchs er dank der Fürsorge seiner Mutter und deren
Eltern ohne große seelische Störungen heran, war ein
sehr lebhaftes Kind und konnte zur rechten Zeit auch ein
echter Spitzbub sein.
Nun standen
seine Worte sauber und klar auf dem Papier. „Liebes
Christkind! Ich wünsche mir Papa. Er soll wieder zu uns
kommen. Dein Michael.“ Kein neues Auto, kein Fahrrad –
das alles konnte sich das Christkind behalten. Aber
seinen Papa …..
Ja, wenn ihn
überhaupt irgend jemand zurückbringen konnte, wer sonst
wenn nicht das Christkind! „Michael, das hast du sehr
schön geschrieben. Da wird das Christkind eine große
Freude mit dir haben!“ lobte ihn seine Mutter.
„Aber es muss
keine Freude haben, es soll Papa bringen, bitte es soll
mir meinen Papa wieder bringen, bitte!“ Ganz
unvermittelt begann der Bub zu weinen. Einige große
Tränen tropften auf das Papier. Maria tröstete ihn, dass
es das Christkind bestimmt versuchen würde, aber dass es
ihnen auch so ganz gut gehe. Die Tränen nahmen zu, man
sah es ganz deutlich auf dem Papier, auch ein wenig
Tinte zerrann. Aber dies würde das Christkind wohl am
allerwenigsten stören. Denn es nimmt auch Blätter, die
von Tränen ganz gewellt sind. Vielleicht erfüllt es die
Wünsche, die auf solchen Blättern stehen, sogar
besonders gern …..
Wir wollen
trotz der Gefühle, die diese kleine Szene in uns
auslöst, welcher wir eben beigewohnt haben, aber nicht
bei den beiden verharren. Denn uns interessiert viel
mehr, ob das Christkind nun etwas vermochte – oder
nicht.
Als der
Heilige Abend kam, deutete in diesem Jahr immer noch
nichts auf das Weihnachtsfest hin. Es hatte leicht
geregnet, keine Spur von Schnee. In den Straßen der
Stadt tobte bis Mittag die übliche Einkaufsschlacht.
Erst gegen 14 Uhr kehrte Ruhe ein, und als es dämmerte,
vermeinte man tatsächlich ein wenig von einer sich
nähernden Stillen und Heiligen Nacht zu verspüren.
Michael, der
in Wahrheit noch sehr innig an das Christkind glaubte,
auch wenn er von seinen Mitschülern und Freunden
aufgeklärt worden war, dass es eigentlich keines gab,
unternahm mit seiner Halbschwester Anna in der
einsetzenden Dämmerung einen Spaziergang durch die
ruhigen Straßen. Es hatte nun auch zu regnen aufgehört.
Äußerlich sah es in ihrem Wohnviertel mit Ausnahme von
ein paar geschmückten Vorgärten so ganz und gar nicht
nach Weihnachten aus. Dennoch hätten die beiden schwören
können, dass man das Christkind fühlen konnte. „Meinst
du, ob mir das Christkind meinen Papa wieder bringt,
Anna?“, fragte Michael das Mädchen, das bereits 14 war
und ihm eher wie eine zweite Mutter erschien als wie
eine Schwester. „Ja, ja, Michael ganz bestimmt. Wirst
sehen. Heute ist ein besonderer Tag. Ich spüre es.“

Maria putzte
indessen den Christbaum auf, den sie auf dem Balkon
gelagert hatte und platzierte die paar kleinen Geschenke
unter dem Baum. Als es nach etwa einer Stunde läutete,
drückte sie den Türöffner und ließ die Wohnungstür
offen. Denn sie nahm an, es würden ihre Kinder sein.
Wie war sie
jedoch überrascht, als sie auch nach einer Weile noch
keine Kinder heraufkommen hörte und deshalb nachsehen
ging: draußen stand Helmut. Er hatte das etwas
schüchterne Lächeln im Gesicht, das sie immer so an ihm
gemocht hatte und hielt ein paar kleine Pakete in der
Hand. „Maria, frohe Weihnachten – und hier sind ein paar
Geschenke für euch!“ Sie umarmten einander nicht, aber
sie gaben sich die Hand ziemlich lang. „Komm herein,
Helmut. Michael ist mit Anna spazieren gegangen. Ich
habe geglaubt, sie kommen, als es läutete. Aber dass du
es bist, also wirklich du…. und gut schaust du aus. Geht
es dir wieder besser? Komm herein, ich bin gerade fertig
geworden mit dem Christbaum. Schau ihn dir an, komm!“
Helmut
bewunderte den schönen Baum und ließ sich in den
Polstersessel nieder, in dem er früher gern gesessen
war, als er noch hier wohnte. „Schön hast du es, Maria,
und was für eine gute Atmosphäre. Und du selbst – bist
schöner als je zuvor….“
Sie setzte
die Kaffeemaschine in Betrieb und blieb dann bei ihm im
Wohnzimmer. Sie wollte viel von ihm wissen. Vor allem
aber freute sie sich, dass er gesammelt wirkte und dass
nichts von dem Dämon Alkohol an ihm zu merken war. Zu
fragen wagte sie dennoch nicht, ob er davon losgekommen
sei. Er erzählte ihr ganz von selbst, dass er eine
wochenlange Entwöhnungskur hinter sich habe und nun ein
völlig neues Leben führen dürfe. Noch dazu hatte ihm die
große Polstermöbelfirma, wo er früher als Tapezierer
arbeitete, ganz überraschend eine erhebliche Prämie
ausbezahlt, weil sich durch seine
Verbesserungsvorschläge in der Tat große Einsparungen in
der Produktion ergaben. Mit dieser Prämie war er mit
einem Schlag alle Schulden los und sah nun erstmals die
Möglichkeit, wirklich wieder von Anfang an neu zu
beginnen. Beinahe war er dort angelangt, wo er recht
schüchtern und fast ein bisschen ängstlich fragen
wollte, ob sie sich vorstellen könnte, ihn wieder zu
ihrem Partner zu nehmen, da läutete es wieder an der
Tür.
Es waren die
Kinder. Und wir können uns die Freude vorstellen, die
Michael empfand, als er seinen Papa auf dem
Polstersessel sah, wo er auch früher immer gern saß,
wenn er nicht mit ihm spielte oder sonst am Computer
etwas zu tun war. Der Bub flog auf ihn zu und drückte
und herzte seinen Vater, wie man es nur noch von den
alten Märchen kennt.
„Papa, ich
hab das Christkind um dich gebetet. Papa, Papa, jetzt
bleibst du bei uns, Papa, Papa, lieber Papa!
Ich muss wohl
nicht eigens betonen, dass es ein wunderschöner Heiliger
Abend wurde in der kleinen Wohnung in der großen Stadt.
Aber wenn ich verraten soll, ob Helmut tatsächlich den
Weg zurück in sein Familienleben fortsetzen konnte, den
er zu seinem großen Glück nun eingeschlagen hat, und ob
sie alle zusammen so glücklich und zufrieden bis an ihr
Ende lebten, wie es in den Märchen heißt, so muss ich
passen. Denn auch diese Geschichte ist leider nur ein
Märchen. Wie jene von den Gebrüdern Grimm oder von
Christian Andersen – oder wie das Märchen vom
Christkind.
Es sei denn,
es gibt wirklich ein Christkind und es hat sich alles so
abgespielt, wie ich es erzählt habe. Dann leben sie
tatsächlich alle zusammen so glücklich und zufrieden,
wie wir es ihnen wünschen. Frohe Weihnacht allseits! |
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