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Der Hofnarr
Nur Hunde und Katzen sind zu sehen; die Hunde ruhen sich im Schatten der Autos aus, die Katzen in Häusernischen. Während dieser heißen Tageszeit sind nur Touristen unterwegs ‑ wenn sie so verrückt sind wie wir. In diesem kleinen Dorf sind wir zur Zeit die einzigen dieser Sorte. Da entdecke ich mit einem Mal ein wunderschönes Bild: eine verschrumpelte alte Frau sitzt vor einem der weißgekalkten Häuser auf einer kleinen Terasse im Schatten. Sie ist schwarz gekleidet. Das bildet einen wunderschönen Kontrast zu dem grellen Weiß des Hauses; besonders ihr großes schwarzes Kopftuch, unter welchem ein auf seltsame Weise anziehendes altes Gesicht zu sehen ist, hat es mir angetan. Kamera ans Auge, eine günstige Position gesucht, wo mir Licht und Bildaufbau günstig erscheinen. Autofokus und Programmautomatik kümmern sich blitzschnell um den technischen Aspekt. Klick. Es wird ein starkes Bild werden. Ich gehe mehr in den Telebereich, wechsle den Standort, gehe auf manuell, um verschiedene Kontrastmöglichkeiten auszuschöpfen. Das Gesicht im Sucher fasziniert mich immer mehr. Es blickt hoheitsvoll, gütig, jedoch ohne irgendeine Regung, unter dem Schirm des großen schwarzen Kopftuchs hervor. Ich versuche immer neue Einstellungen; ich muß alles aus diesem Bild herausholen, das sich mir da bietet. Bei der nächsten Foto‑Ausstellung werde ich damit sicher ganz vorn mit dabei sein. Ob die gute, einfache Frau weiß, welche Ehre ihr da wohl widerfährt. Ich halte inne, weil der Film gewechselt werden muß. Bevor ich die Kamera wieder ansetze, um noch einige neue Gesichtswinkel zu erhaschen, die ich vielleicht noch nicht ausgenützt habe, fällt mein Blick direkt auf sie. Ich sehe sie jetzt nicht durch den Sucher, es befindet sich keine Kamera zwischen ihr und mir. Und da weiß ich mit einem mal, was es war, das mich so sehr fasziniert hatte: Ihr Blick, gütig und hoheitsvoll in sich selbst ruhend, ist, so verrückt es klingen mag, der Blick einer Königin! Einer Königin, die ihrem Hofnarren gerade sehr gelassen und wohlwollend zusieht, wie dieser in der Mittagssonne possenreissend um sie herumspringt .... |
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Walter Kiesenhofer, walkie@gmx.at |
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Diese Geschichte wurde 1999 vom
Heyne-Verlag München in der Anthologie "Nur ein paar Schritte zum
Glück" veröffentlicht. ISBN 3-453-15625-0 |
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