Die Bahnreise in die Hauptstadt verlief eintönig und
ereignislos. Ich begann schon zu bereuen, die Bahn als
Verkehrsmittel gewählt zu haben; aber bei dem vorhergesagten
Schlechtwetter wäre eine anstrengende Fahrt auf regennasser
Autobahn keinesfalls ratsam gewesen. Zug heißt Bequemlichkeit.
Darüber hinaus lernt man nicht selten während längerer Fahrten
auch interessante Menschen kennen, während einem bei Autofahrten
höchstens jenes dicke Ego seiner Zeitgenossen auf die Nerven
geht, das sich nicht selten in recht gefährlichen Situationen
manifestiert.
Der Zug war nicht überfüllt; so stand der Entstehung jenes
behaglichen Reisegefühls, welches nur an Bord von Schiffen und
in behaglich gepolsterten Eisenbahnabteilen möglich ist, nichts
im Wege. Vielleicht würde sich sogar die Gelegenheit zu einer
neuen Bekanntschaft ergeben, wie das bei derartigen Reisen nicht
selten vorzukommen pflegt. Und so sollte es sein:
In Frankfurt musste die Lokomotive gewechselt werden. Einige
Kurswagen hängte man ab, andere koppelte man an. Die meisten
Reisenden hatten hier ihr Ziel erreicht. Wer weiterfuhr, vertrat
sich auf dem weitläufigen Bahnhofsgelände die Beine und verließ
ebenfalls den Zug. Ich wollte die fahrplanmäßige Pause von 40
Minuten ursprünglich auf dieselbe Weise nützen, zog dann aber,
einer Eingebung meines Gewissens folgend, das Notizbuch heraus
und schrieb eine Idee nieder, die mich während der Fahrt zuvor
beschäftigt hatte.
Mir gegenüber saß ein dezent bebrillter Mann mittleren Alters,
der ebenfalls auf das Füßevertreten verzichtete. Er schien
irgendetwas anderes im Schilde zu führen, weil er innerhalb von
5 Minuten sicherlich drei oder viermal auf seine Armbanduhr und
dann zum Fenster hinaus blickte, das er zuvor halb geöffnet
hatte. Da er sehr mit sich selbst beschäftigt zu sein schien und
von mir keinerlei Notiz nahm, fühlte ich mich meinerseits durch
ihn in keiner Weise gestört und fuhr in meiner Niederschrift
fort. Erst als er unvermittelt aufstand und aus dem Gepäcknetz
eine große grüne Reisetasche holte, wurde ich wieder auf ihn
aufmerksam und unterbrach den Strom meiner aufs Papier
fließenden Gedanken. Als er nämlich den doppelten Reißverschluss
aufzog und die Tasche auseinanderklaffte, kam ein Berg von
Bananen zum Vorschein: schöne reife gelbe Bananen, die ganze
große Tasche voll.
Mit ernster und bedeutender Miene nahm der Mann eine kleine
Staude heraus und riss die erste Frucht ab. Er begann sie zu
schälen, als führe er eine Zeremonie aus. Als er sie soweit von
der Schale befreit hatte, dass man endlich hineinbeißen hätte
können, langte er in eine Seitentasche seiner Reisetasche und
holte einen großen altmodischen Salzstreuer heraus. Damit
bestreute der den freigelegten Teil der Banane gründlich, biss
ein Stück ab, kaute kurz, verzog das Gesicht und spuckte den
Bissen durch das offene Fenster hinaus auf den Bahnsteig. Das
war nun in der Tat eine höchst erstaunliche Verhaltensweise.
Meine eigenen Gedanken stockten und begannen sogleich um das
Warum einer so seltsamen Vorführung zu kreisen. Weshalb
versuchte hier jemand, gesalzene Bananen zu essen, die ihm ganz
offensichtlich nicht einmal schmeckten. (Dass sie ihm nicht
besonders mundeten, war das einzige, das ich an der Sache
verstand.)
Er riss von der kleinen Staude eine weitere Frucht ab, schälte
sie zur Hälfte, bestreute sie mit Salz, biss ab, spuckte den
Bissen aus und warf den Rest der Banane hinterher. Dann noch
eine und noch eine und noch eine.
Draußen auf dem Bahnsteig waren nun deutlich Stimmen und das
Raunen von Menschen vernehmbar. Vielleicht hatten Bahnbeamte das
Ausspucken und das Hinauswerfen der Bananen bemerkt und
beratschlagten nun, was zu tun sei. Wahrscheinlich würde es bald
an die Tür unseres Abteils klopfen. Doch die Sache lief nicht in
dieser erwarteten Weise weiter; ganz im Gegenteil: sie begann
sich nun noch seltsamer zu entwickeln! Von draußen war jetzt
deutlich das typische Geräusch einer größeren Menschenansammlung
zu vernehmen. Sehen konnte ich nichts, weil ich auf der
Gangseite saß und ein Teil des Fenstervorhangs zugezogen war,
aber man kennt das Geräusch einer Menge von aufgeregten und
erwartungsfrohen Menschen von anderen Anlässen.
Inzwischen wanderte Banane um Banane den gleichen Weg auf den
Bahnsteig; das Ausspucken schien an Impulsivität und Heftigkeit
sogar weiter zugenommen zu haben. Aus dem Grimassenschneiden,
das jedem Biss versalzener Bananen folgte, war leicht abzulesen,
dass dem guten Mann die Prozedur zunehmend Anstrengung und
Selbstüberwindung kostete. Nun konnte ich nicht länger an mich
halten; ich fasste ein Herz und fragte sehr höflich und unter
Verwendung gängiger Höflichkeitsfloskeln, was dieser seltsame
Umgang mit Bananen bedeute. Der Mann erschrak sichtlich.
Offensichtlich nahm er jetzt erst meine Anwesenheit wahr.
Warum ich das tue, warum ich was tue? Er verstand den Sinn
meiner Frage ganz nicht ganz. Darum setzte ich hinzu: Weshalb
salzen Sie Bananen und spucken diese anschließend sofort wieder
aus? Er antwortete nach kurzer Überlegung mit der durchaus nicht
unlogischen Gegenfrage, ob ich denn wohl gesalzene Bananen essen
würde. Nun war es an mir, sprachlos zu sein. Er nahm hierauf
eine einzelne, besonders prächtige Frucht und verfuhr mit ihr
wie mit den vorigen. Er salzte das weiche Fruchtfleisch kräftig
und ließ dann fast die Hälfte davon in seinem Mund verschwinden.
Nachdem er diese Bananenportion unter beträchtlicher
Gesichtsakrobatik gekaut und aus dem Fenster gespuckt hatte,
musterte er mich schweigend von oben bis unten. Es scheint
offensichtlich zu sein, mein Herr, setzte er zu einer
Erläuterung an und schien aus diesem Grund tatsächlich eine
erste kleine Spuckpause einlegen zu wollen, dass Sie noch
niemals einem wirklichen Künstler begegnet sind. Ich, ich weiß
nicht recht .... gab ich kleinlaut zurück, wieso Künstler?
Nun, mein Herr, erheben Sie sich einmal und blicken Sie hinaus
auf den Bahnsteig vor unserem Fenster. Jetzt erst fiel mir auf:
das Geraune da draußen hatte an Lautstärke und Intensität
zugenommen! Deutlich waren jetzt auch einzelne Worte
auszunehmen. Weiter, weiter, Meister, bitte, weiter
.....Meister, bitte! Ich erhob mich, schob den kleinen roten
Vorhang zur Seite, der mir bisher die Sicht verdeckt hatte
und staunte! Etwa zweihundert Menschen standen auf dem
Bahnsteig; sie befanden sich außerhalb einer transportablen
Absperrung, wie sie die Polizei bei größerem Publikumsandrang
einzusetzen pflegt. Und sie alle sahen zu unserem Fenster empor.
Unmittelbar unterhalb unseres Fensters erblickte ich einige
vornehm gekleidete Damen und Herren mit kleinen pinzettenartigen
Schaufeln, welche die zuvor von meinem Begleiter ausgespuckten
Bissen sorgsam aufsammelten und auf Tabletts anordneten. Dazu
notierte eine uniformierte Dame die Reihenfolge, in denen die
Bananenbissen gespuckt worden waren und ordnete den einzelnen
Exponaten kleine Nummernschildchen zu. Ein älterer Eisenbahner
hob die noch in ihrer Schale befindlichen Restbananen auf,
nummerierte diese ebenfalls fein säuberlich in der Reihe ihres
Erscheinens und legte sie sehr sorgfältig in eine mit rotem Samt
ausgeschlagene Kiste. Als nun die Menge meines Kopfes im Fenster
ansichtig wurde, erhoben sich Buhrufe. Ein sehr dünner langer
Mann mit dichtem grauen Bart, der unmittelbar vor dem Fenster
stand und beinahe bis zu meinem Gesicht heraufreichte, forderte
mich höflich, aber sehr amtlich auf, die Darbietung nicht zu
stören. Zugleich begann die Menge einen Namen zu johlen, der
offenbar jener meines Begleiters zu sein schien. Ich zog meinen
Kopf wunschgemäß zurück und setze mich auf meinen Platz. Ich
hatte wahrlich genug gesehen.
Sehen Sie nun, mein Herr, welch einem berühmten Künstler Sie
hier im Abteil gegenüber sitzen? Ich werde bereits so sehr
verlangt, dass ich selbst solche Zwischenaufenthalte dazu
verwenden muss, den Leuten meine Performances zu gewähren. Damit
erhob er sich und zeigte sich dem Volk. Jubelschreie brandeten
in der Menge auf und seine salzigsäuerliche Miene glättete und
erhellte sich deutlich, ja nahm sogar den Ausdruck eines
durchaus erkennbaren Lächelns an. Danke, danke, danke, meine
Lieben, danke, ich danke Euch!
Eine Viertelstunde später, als der Zug wieder angefahren war und
sich weiter Richtung Hauptstadt bewegte, setzte mir der Künstler
das Wesen seines Aktionismus im besonderen und jenes der Kunst
im allgemeinen auseinander. Ich verstand nicht allzu viel davon.
Als er dann erklärte, alle seine ausgespuckten Bissen würden der
Form nach von bedeutenden Fachleuten genau interpretiert und von
Chemikern unter Berücksichtigung der besonderen Eigenarten der
jeweils verwendeten Bananensorte, nach der jeweiligen
Tagesbeschaffenheit seines Speichels, sowie nach Zusammensetzung
der mikrobiotischen Besiedelung untersucht, und dass man jene
Ergebnisse dann bändeweise in den einschlägigen Fachbüchern und
Fachzeitschriften nachlesen könne, da dämmert mir auf, dass ich
nun wirklich und wahrhaftig etwas vom Wesen der Kunst begriffen
haben musste.
Der Künstler bemerkte, wie seine Erklärung bei mir auf
fruchtbaren Boden fiel und vertraute mir hinter
vorgehaltener Hand, damit auch die inzwischen zugestiegenen
Fahrgäste nur ja besonders neugierig zuhören sollten an,
er werde noch heute diesen Abend Gast eines Staatsbanketts in
der Hauptstadt sein. Das sei selbst für ihn etwas Ungewöhnliche.
Es beweise zudem, dass endlich auch die große Politik sich für
Kunst interessiere. Es habe ihn nämlich der Präsident
persönlich, und dabei verneigte er sich, als wäre dieser
unsichtbar bereits zugegen, eingeladen, vor seinen Augen zu
spucken. Und da zu dieser "Performance" auch internationale
Presse und verschiedene Fernsehanstalten eingeladen seien,
verspüre er nun tatsächlich zum ersten Mal in seiner Karriere so
etwas wie Lampenfieber.
Als ich ihm für diesen großen Anlass alles Gute und das Spucken
besonders schöner und großer Bissen wünschte, da umarmte er mich
impulsiv, verlieh mir den Ehrentitel eines wahren Kunstkenners
und schenkte mir die ganze Reisetasche mit seinen restlichen
Bananen.
Walter Kiesenhofer, walkie@gmx.at