Der Kleine Prinz und die Gottesverwahrer



       Die meisten von uns haben irgendwann einmal den "Kleinen Prinzen" gelesen; viele aber nur die übliche Fassung mit der nicht ganz vollständigen Sammlung von Planetenbesuchen, bevor er auf der Erde landete. Drei oder vier Stationen seiner Reise zum Planeten Erde werden nur selten gedruckt. Vielleicht, weil sie künstlerisch nicht so bedeutend sind. Mag sein. Es können durchaus aber auch andere Gründe dahinterstecken.

        Auf einem dieser "unterschlagenen" Planeten ist der kleine Prinz auf ein Volk grauer Fische getroffen, die von Generation zu Generation in Flüssen und im Meer schwammen; auf der unablässigen Suche nach Wasser. Wahrscheinlich suchen sie heute noch, wovon sie alle gelehrt sprechen und was sie theroretisch durchaus perfekt zu postulieren verstehen .... die grauen Fische sind nämlich, was (aus dem eingangs erwähnten Grund) wahrscheinlich wenig bekannt sein dürfte, äußerst gelehrte und gebildete Wesen. Ein anderer Planet, den der kleine Prinz besuchte, und von welchem man so gut wie nichts weiß, besitzt einen einzigen riesigen Vulkan, der immerfort von dichten Wolken umkreist wird. Aber das ist eine eher komplizierte Geschichte und ich will sie auch hier nicht zum Besten geben.

         Wohl aber will ich die Episode schildern, in welcher der kleine Prinz einen Planeten besucht, wo die Menschen einen Gott verehren, den sie in großen steinernen Häusern verwahren. Diese sind sehr kunstvoll und hoch und über und über mit Fenstern versehen. Daher ist das Symbol dieser Menschen ein Fensterkreuz. Sie tragen es an langen Ketten um den Hals. Die Kreuzbalken bestehen je nach ihrer Würde aus Gold, Silber oder einem sehr festen dunklen Holz.
 

* * * * *

   
 Der nächste Planet, den der kleine Prinz besuchte, schien ihm der wohl sonderbarste auf seiner ganzen Reise zu sein: er wies unzählige Pickel auf. Zumindest sah dies von oben, aus der Stratosphäre so aus; und es erinnerte ihn ein bißchen an die drei Vulkane auf seinem kleinen Stern zuhause. Dieser Planet hier wies hunderte oder gar tausende davon auf. Aus der Nähe entpuppten sich die Pickel dann aber nicht als Verwandte seiner Vulkane, sondern als riesenhafte Gebilde mit großen Türmen. Sie waren alle aus Stein gebaut, besaßen die unterschiedlichsten Stile und Formen, und viele Leute strömten hinein und heraus.

Der kleine Prinz näherte sich einem derartigen großen Gebäude auf einer der großen Straßen und fragte einen ernsthaften Mann, der es gerade durch ein großes Tor verlassen hatte, welchen Zweck dieses Haus habe. (Die Menschen, die hinein und herausströmten, trugen allesamt sehr ernsthafte und würdige Gesichter. Man sah keinen unter ihnen scherzen oder ein Liedchen trällern.)
Der Würdige blickt ihn streng unter seinen buschigen Augenbrauen an. Wahrscheinlich mißfiel ihm das unbeschwerte Aussehen des kleinen Prinzen. "Das weißt du nicht, Fremder?"

 "Nein," erwiderte der kleine Prinz, "ich komme von weit her. Bei mir zuhause gibt es Vulkane und eine Rose und ein Schaf, da muß man die Rose schützen. Die Vulkane sind aber bei weitem nicht so hoch." "Vulkane können überhaupt nicht verglichen werden mit den Häusern Gottes. Das ist etwas ganz anderes, das hier ist etwas Richtiges, wie du sehen kannst!"Der weise Mann raffte schwungvoll seinen cremefarbenen Leinenumhang mit einem Arm und betrachtete den kleinen Mann vor sich wohlwollend, etwa wie man eine exotische Blume studiert oder einen Maikäfer mit goldenen Punkten auf den Flügeln. Der kleine Prinz fuhr fort: "Auf meinem Planeten besitze ich zwei tätige Vulkane und einen erloschenen. Aber ich fege sie immer alle drei. Man kann nie wissen. Und sie sind mir alle drei gleich lieb. Aber brauchen tu ich sie nicht. Benötigt dein Gott denn diese Häuser - und fegt er sie auch so, wie ich das mit meinen Vulkanen halte?" fragte er arglos, denn er war es gewohnt, niemals auf die erschöpfende Beantwortung einer seiner Fragen zu verzichten.

"Gott benötigt viele Häuser. Dies ist nicht einmal das größte und prunkvollste, gerade nur ein durchschnittliches. Wir haben ihm überall so große Häuser erbaut. Es sind die schönsten auf unserem Planeten. Weißt du nicht, daß er die Welt erschaffen hat?"
"Oh, das ist schön von ihm. Hat er auch die Sterne geschaffen?" Oh ja, auch die Sterne." Und die Rosen und die Dornen, und die Schafe und die Affenbrotbäume?" "Gott hat alles erschaffen, einfach alles." "Also, auch dieses große Haus hier?" Der kleine Prinz bekam langsam glühende Wangen. Die bekommt er immer, wenn er mehr als drei Fragen hintereinander stellt. Er sah erwartungsvoll zu dem ernsten Gesicht des würdigen Mannes auf.

"Mein junger Mann, du weißt in der Tat rein gar nichts. Komm, nimm auf diesen Stufen Platz, ich werde dich lehren, daß du nicht im Stande der Unwissenheit verbleibst. Unwissende entweihen geheiligte Plätze, mußt du wissen."
 Dabei ließ sich der würdevolle Mann auf den Stufen einer Statue nieder, die sich unmittelbar neben ihnen erhob. Der kleine Prinz blieb stehen. Da er um einiges kleiner war als der Weise, befanden sich ihre Augen etwa in derselben Höhe. Dann räusperte er sich bedeutungsvoll und fuhr fort:"Dieses Haus haben wir Menschen ihm erbaut, weil wir ihm dienen. Wir loben ihn außerdem und preisen ihn. Unsere besten Künstler widmen ihre ganze Kraft dem Lobpreis seiner Größe und Herrlichkeit. Das ist eine äußerst wichtige Beschäftigung."
 

"Oh, das muß ihm viel Freude bereiten," jauchzte da der kleine Prinz. "Er wohnt in den großen Häusern mit den großen Fenstern, die er nicht zusammen mit der Welt erschaffen mußte. Ihr kommt ihn dort besuchen und lobt ihn über den grünen Klee. Oh, ihr müßt gute Menschen sein!" "Deine Worte schmeicheln mir, junger Fremdling, wenn ich auch nicht verstehen kann, was das Lob Gottes mit Klee zu tun haben soll." Und dann strich er sich langsam über den ganzen langen Bart und setzte bedeutungsvoll hinzu: "Wir haben ihm nicht nur diese Häuser erbaut, wir loben ihn nicht nur und preisen ihn dort. Wir müssen auch auf ihn achtgeben."

 "Achtgeben?" staunte der kleine Prinz und ließ seinen Blick über den großen Platz schweifen, wo Menschen sich vor dem großen Gebäude hin und herbewegten, es betraten und es verließen."Man muß ernsthaft fürchten, daß er sich selbst schaden könnte mit seiner Allmacht. So große Macht muß ernsthaft kontrolliert werden; er bedarf des ständigen Rates unserer Schriften und unserer Weisen.""Ihr verehrt Gott also nicht nur, ihr steht ihm auch helfend zur Seite? Das ist großartig, guter Mann. ihr müßt in der Tat sehr gute Menschen sein. Aber, sag, wie stellt ihr das an?"

"Es ist in den Schriften ein für allemal festgelegt, wie die Welt regiert werden muß. Unsere besten Wissenschaftler und Gelehrten formulieren immer neue Gesetze und Formeln, wie die Welt abzulaufen hat. Das ist alles sehr sehr schwierig und bedarf überall der ernsthaftesten und klügsten Leute. Es steht auch geschrieben, wer ihn selbst verkünden darf, durch wessen Mund er geredet hat, wer seine Befehle weitergeben darf."

"Heißt das, ihr könnt nicht alle selbst mit ihm sprechen?"
Der kleine Prinz war nun sehr verwundert. Auf seinem Planeten sprach er zu jeder Zeit, wenn er wollte, mit Gott. Dies war so selbstverständlich für ihn, daß er es noch nie der Mühe wert gefunden hatte, es überhaupt zu erwähnen. "Wo denkst du denn hin, was wäre das wohl für ein Durcheinander! Es steht genau aufgezeichnet, wem er sich zeigen darf. Nein, es wäre nicht auszudenken, wenn er mit jedermann zu sprechen begänne; niemand könnte sich mehr auskennen. Was das für ein heilloses Durcheinander ergäbe. In den Schriften steht genau, wer als sein Prophet anzuerkennen ist; und daran müssen wir uns genauso halten, wie Gott selbst."

 "Du trägst eine wunderschöne Kette um den Hals mit einem goldenen Kreuz in einem Rahmen. ist dieses ein Zeichen für den Rahmen, mit dem alles eingeschlossen ist?" "Du beobachtest gut, junger Fremder. Es soll tatsächlich ein Fenster darstellen. Du siehst diese Fenster in ähnlichen Formen auch in jenem Gotteshaus vor uns. Fenster dienen der Verbindung von Innenräumen mit dem Freien. Einerseits fließt Licht in die Räume hinein, andererseits kann man durch sie auch von innen nach außen blicken. Unsere Schriftgelehrten sagen auch, daß dieses Fensterkreuz, wie ich eines trage, die Ordnung gleichnishaft darstellt, die Einteilung in unten und oben, in links und rechts, und daß alles immer durch einen festen Rahmen eingeschlossen werden muß." Dabei strich er wohlgefällig mit der Rechten über seinen funkelnden Anhänger.

"Und Gott bleibt in diesem Rahmen drinnen? Er ist zufrieden, wenn er aus steinernen Häusern durch vergitterte Fenster den Himmel sehen kann und die Wolken und die Vögel ?"    
"Oh, es ist immer jemand bei ihm. Wir achten darauf, daß er ständig verehrt und gepriesen wird. Er soll nie allein sein müssen. Auch dies wird von den Schriften genau festgelegt. Ich selbst bin einer der Wächter der Schriften!" Dabei richtete der würdevolle Mann seine Rücken im Sitzen ganz steif und senkrecht auf.

 "Ich verstehe", antwortete der kleine Prinz. Er erhob sich leichtfüßig und dankte dem Mann für seine Auskunft. Es gab nun in der Tat nichts mehr, was er ihn fragen hätte wollen. Nein, es gab doch noch etwas:

Bevor er ihm danken und sich dann entfernen konnte, traten mehrere Männer aus einer Seitengasse heraus, die ein gefesseltes Paar vor sich herführten. Die Szene entsprach gar nicht der sonst würdevollen Gemessenheit und den würdevollen Bewegungen der Menschen vor dem Gotteshaus. Der Mann und die Frau waren in weiße Gewänder gehüllt und hatten Kapuzen über ihre Köpfe gestülpt. Sie schritten keineswegs so würdevoll wie die anderen Menschen des Platzes, sie stolperten mehr als sie gingen. Auf ihrer Brust sah man jeweils eine Tafel mit einer Aufschrift in einer fremden Sprache."Was, edler Mann, geschieht hier? Was haben diese beiden Menschen angestellt?"
   

"Sie haben Gott geschmäht, sie haben ihn beleidigt, sie haben Verse geschrieben, die nicht mit den Wahrheiten der Schriften übereinstimmen. Daher werden sie ihrer gerechten Strafe zugeführt."Der kleine Prinz wollte nun nicht mehr wissen, welche Strafe auf diese Unglücklichen wartete.Man weiß nie, ob es gut ist, von den Strafen der Menschen zu wissen. Er dankte dem Mann für seine Auskunft und entfernte sich von der Statue und von dem großen Haus. Man konnte dies alles von sich aus verstehen, es war sogar logisch: wenn schon ihr Gott Regeln und Geboten unterworfen war, und wenn man ihn in festgemauerte große Häuser einsperren mußte, um wieviel mehr mußte man die Menschen vor Verfehlung und Abirrung schützen.

 "Nein, diese Menschen sind entschieden sehr sonderbar hier, und wohl auch ihr Gott, der sich nicht sehen läßt." Der kleine Prinz nahm sich vor, den merkwürdigen Planeten bei der nächsten günstigen Konstellation wieder verlassen. Als er außerhalb der Stadtmauern angekommen war, lagerte er in einer grünen Wiese. Bienen umsummten ihn, Käfer krabbelten auf seinen Gliedern. Eigentlich wollte er sie noch etwas Wichtiges fragen, das sie ihm sicherlich besser beantwortet hätten als der weise Mann. Er redete sonst gern mit Käfern und fliegenden kleinen Wesen. Aber er schlief rascher ein, als er die Gedanken zu der Frage sammeln hätte können.

 

 

Walter Kiesenhofer, walkie@gmx.at

 

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