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Der Kleine Prinz und die Gottesverwahrer
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Der kleine Prinz näherte sich einem derartigen
großen Gebäude auf einer der großen Straßen und fragte einen
ernsthaften Mann, der es gerade durch ein großes Tor verlassen
hatte, welchen Zweck dieses Haus habe. (Die Menschen, die hinein und
herausströmten, trugen allesamt sehr ernsthafte und würdige
Gesichter. Man sah keinen unter ihnen scherzen oder ein Liedchen
trällern.) "Nein," erwiderte der kleine Prinz, "ich komme von weit her. Bei mir zuhause gibt es Vulkane und eine Rose und ein Schaf, da muß man die Rose schützen. Die Vulkane sind aber bei weitem nicht so hoch." "Vulkane können überhaupt nicht verglichen werden mit den Häusern Gottes. Das ist etwas ganz anderes, das hier ist etwas Richtiges, wie du sehen kannst!"Der weise Mann raffte schwungvoll seinen cremefarbenen Leinenumhang mit einem Arm und betrachtete den kleinen Mann vor sich wohlwollend, etwa wie man eine exotische Blume studiert oder einen Maikäfer mit goldenen Punkten auf den Flügeln. Der kleine Prinz fuhr fort: "Auf meinem Planeten besitze ich zwei tätige Vulkane und einen erloschenen. Aber ich fege sie immer alle drei. Man kann nie wissen. Und sie sind mir alle drei gleich lieb. Aber brauchen tu ich sie nicht. Benötigt dein Gott denn diese Häuser - und fegt er sie auch so, wie ich das mit meinen Vulkanen halte?" fragte er arglos, denn er war es gewohnt, niemals auf die erschöpfende Beantwortung einer seiner Fragen zu verzichten.
"Gott benötigt viele
Häuser. Dies ist nicht einmal das größte und prunkvollste, gerade
nur ein durchschnittliches. Wir haben ihm überall so große Häuser
erbaut. Es sind die schönsten auf unserem Planeten. Weißt du nicht,
daß er die Welt erschaffen hat?"
"Mein junger Mann, du
weißt in der Tat rein gar nichts. Komm, nimm auf diesen Stufen
Platz, ich werde dich lehren, daß du nicht im Stande der
Unwissenheit verbleibst. Unwissende entweihen geheiligte Plätze,
mußt du wissen." "Oh, das muß ihm viel Freude bereiten," jauchzte da der kleine Prinz. "Er wohnt in den großen Häusern mit den großen Fenstern, die er nicht zusammen mit der Welt erschaffen mußte. Ihr kommt ihn dort besuchen und lobt ihn über den grünen Klee. Oh, ihr müßt gute Menschen sein!" "Deine Worte schmeicheln mir, junger Fremdling, wenn ich auch nicht verstehen kann, was das Lob Gottes mit Klee zu tun haben soll." Und dann strich er sich langsam über den ganzen langen Bart und setzte bedeutungsvoll hinzu: "Wir haben ihm nicht nur diese Häuser erbaut, wir loben ihn nicht nur und preisen ihn dort. Wir müssen auch auf ihn achtgeben."
"Achtgeben?" staunte der
kleine Prinz und ließ seinen Blick über den großen Platz schweifen,
wo Menschen sich vor dem großen Gebäude hin und herbewegten, es
betraten und es verließen."Man muß ernsthaft fürchten, daß er sich
selbst schaden könnte mit seiner Allmacht. So große Macht muß
ernsthaft kontrolliert werden; er bedarf des ständigen Rates unserer
Schriften und unserer Weisen.""Ihr verehrt Gott also nicht nur, ihr
steht ihm auch helfend zur Seite? Das ist großartig, guter Mann. ihr
müßt in der Tat sehr gute Menschen sein. Aber, sag, wie stellt ihr
das an?"
"Du trägst eine
wunderschöne Kette um den Hals mit einem goldenen Kreuz in einem
Rahmen. ist dieses ein Zeichen für den Rahmen, mit dem alles
eingeschlossen ist?" "Du beobachtest gut, junger Fremder. Es soll
tatsächlich ein Fenster darstellen. Du siehst diese Fenster in
ähnlichen Formen auch in jenem Gotteshaus vor uns. Fenster dienen
der Verbindung von Innenräumen mit dem Freien. Einerseits fließt
Licht in die Räume hinein, andererseits kann man durch sie auch von
innen nach außen blicken. Unsere Schriftgelehrten sagen auch, daß
dieses Fensterkreuz, wie ich eines trage, die Ordnung gleichnishaft
darstellt, die Einteilung in unten und oben, in links und rechts,
und daß alles immer durch einen festen Rahmen eingeschlossen werden
muß." Dabei strich er wohlgefällig mit der Rechten über seinen
funkelnden Anhänger.
"Ich verstehe",
antwortete der kleine Prinz. Er erhob sich leichtfüßig und dankte
dem Mann für seine Auskunft. Es gab nun in der Tat nichts mehr, was
er ihn fragen hätte wollen. Nein, es gab doch noch etwas: "Sie haben Gott geschmäht, sie haben ihn beleidigt, sie haben Verse geschrieben, die nicht mit den Wahrheiten der Schriften übereinstimmen. Daher werden sie ihrer gerechten Strafe zugeführt."Der kleine Prinz wollte nun nicht mehr wissen, welche Strafe auf diese Unglücklichen wartete.Man weiß nie, ob es gut ist, von den Strafen der Menschen zu wissen. Er dankte dem Mann für seine Auskunft und entfernte sich von der Statue und von dem großen Haus. Man konnte dies alles von sich aus verstehen, es war sogar logisch: wenn schon ihr Gott Regeln und Geboten unterworfen war, und wenn man ihn in festgemauerte große Häuser einsperren mußte, um wieviel mehr mußte man die Menschen vor Verfehlung und Abirrung schützen. "Nein, diese Menschen sind entschieden sehr sonderbar hier, und wohl auch ihr Gott, der sich nicht sehen läßt." Der kleine Prinz nahm sich vor, den merkwürdigen Planeten bei der nächsten günstigen Konstellation wieder verlassen. Als er außerhalb der Stadtmauern angekommen war, lagerte er in einer grünen Wiese. Bienen umsummten ihn, Käfer krabbelten auf seinen Gliedern. Eigentlich wollte er sie noch etwas Wichtiges fragen, das sie ihm sicherlich besser beantwortet hätten als der weise Mann. Er redete sonst gern mit Käfern und fliegenden kleinen Wesen. Aber er schlief rascher ein, als er die Gedanken zu der Frage sammeln hätte können. |
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Walter Kiesenhofer, walkie@gmx.at |
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