|
Aus der Sprachanstalt
entlassen
Eben entließ man mich aus
der Sprachanstalt unserer ehrenwerten Bezirksstadt. Fünf Monate
wurde ich dort festgehalten, weil ich mich standhaft geweigert
hatte, auf die Verwendung deutscher Ausdrücke in der Öffentlichkeit
zu verzichten. Nicht dass ich ein notorischer Querkopf wäre - ich
konnte einfach nicht mehr anders, als die Befolgung jener neuen
Vorschrift zu verweigern, die keine Verwendung meiner Muttersprache im
öffentlichen Raum mehr duldet.
Die Situation, die mich zu diesem Ungehorsam zwang, hatte sich
allmählich in der zweiten Hälfte des zurückliegenden Jahrhunderts
entwickelt; zusammen mit der damals rapid zunehmenden Technisierung.
Die Menschen verwendeten zunehmend anglo-amerikanische Fachausdrücke
in vielen neuen Berufen, vor allem in den technischen Bereichen und
in allen Massenmedien; ebenso in der Musikindustrie und in der
damals schon allgegenwärtigen Werbung. Jugenzeitschriften und
Jugendsender "promoteten" den neuen Standard, der in wenigen Jahrzehnten zum beherrschenden
Stil
der öffentlichen Kommunikation avancierte. Weisheit und Erfahrung
galten nun überhaupt nichts mehr, sie wurden in den dauernden
Ruhestand verabschiedet.
Veranstaltungen jeglicher
Art waren plötzlich events, das TV bot zur primetime thriller oder
soaps. Öffentliche und private Telefongesellschaften bewarben ihre
Leistungen nur noch mittels englischsprachiger Schlagworte. Und die
amerikanischen Kinomultis unterzogen sich wenige Jahre vor dem
Wechsel des Jahrhunderts nicht einmal mehr der Mühe, ihre Filme mit
deutschen Titeln zu versehen. Ein Kinoprogramm las sich damals
bereits wie ein Diktat englischer Schlagworte zu einer Schularbeit.
Die Jugend nahm den weiteren Fortschritt bereitwillig,
freiwillig und wie selbstverständlich in die Hand. Was
Kleidungssitten und Umgangsformen betraf, unterschied sie sich bald
in nichts mehr von der Jugend irgendeiner mittleren Stadt des
amerikanischen mittleren Westens.
Die schlauen Erfinder des neuen Kults scheffelten im
stillen Hintergrund unglaubliche Reichtümer; ihre große Gefolgschaft
(wobei sich auch durchaus gestandene Semester plötzlich wie
Jugendliche gaben), durch diverse Fleisch- und Fischlaibchen groß
und stark geworden, gewöhnte sich in weiterer Folge, was die Sprache
betrifft, differenziertere Ausdrucksweisen völlig ab. Man
kommunizierte nur noch in kurzen Sätzen, die weder eines Subjekts
noch eines Prädikat bedurften. Eigenschaftswörter genügten dem
Sprachbedürfnis in aller Regel: kurz hingeworfen, kurz
zurückgeworfen – aber immerhin meist noch an die deutsche Sprache
angelehnt.
Der nächste Schritt reihte sich nahtlos an den vorigen.
Denn die verwendeten Wörter und Wortfetzen entfernten sich
allmählich völlig vom bislang gewohnten Sprachgebrauch. Einerseits
reduzierte sich ihre Zahl auf jeweils gängige Kultwörter,
andererseits förderte die Überschwemmung mit englischsprachigen
Ausdrücken den allmählichen Übergang der rudimentären Wörter und
Satzteile in ein amerikanisches Englisch von ähnlich reduzierter
Komplexität. Das war nun wirklich “megacool”.
Im Lauf weniger Jahre reiften die Jungen zu Erwachsenen
von überaus lässigem Zuschnitt. Sie wiesen Zeugnisse vor und
besetzten wichtige Stellen in Politik und Wirtschaft. Und sie
merzten dann von oben die Reste deutscher Sprache völlig aus.
Bis zu diesem Entwicklungsstand war es jedoch immer noch
möglich gewesen, sich in kleinem Kreis der deutschen Sprache zu
bedienen. Natürlich trafen einander ältere Mitbürger, wenn einige
Male im Jahr in den bunten Geburtstagskavernen von McDonalds
(Kaffeehäuser existierten zu dieser Zeit schon lange nicht mehr)
Gedichte vorgetragen wurden. Auch die Maturatreffen der älteren
Semester liefen noch in einem Deutsch ab, wie ich es als Kind sprach
und liebte. Viele Seniorenclubs weigerten sich, bei ihren Treffen
amerikanische Ausdrücke zu verwenden, ihre weißhaarigen Mitglieder
blieben ihrer Muttersprache nach Kräften treu.
Dann aber folgte der letzte Schritt in dieser
Entwicklung: Die inzwischen in hohe geschäftliche und politische
Funktionen aufgestiegenen “Kids” wollten mit aller Kraft und
reichlich Kaugummi die Zukunft erstürmen und sich aus diesem Zweck
aller hinderlichen Altlasten entledigen. Erst schafften sie die
letzten deutschen Filme ab, dann liefen die früher übersetzten
amerikanischen Filme nur noch in Originalsprache (anfangs noch mit
Untertiteln, bald ohne). Der Rundfunk zog nach. In der Musikauswahl
war man an amerikanischen Geschmack und englischsprachige Texte
bereits viele Jahrzehnte gewöhnt. Es fehlte daher nicht allzu viel,
die schnoddrigen Moderationstexte zwischen den einzelnen Musiktiteln
auf reines Amerikanisch umzustellen. Den meisten Menschen fiel das
nicht einmal auf. Manche Hörer mittleren Alters hätten sogar
gewettet, das wäre immer so gewesen.
Das alles hätte ich persönlich noch verschmerzt.
Schließlich war ich der englischen Sprache ausreichend mächtig.
Dadurch musste ich keinen der Kurse besuchen, wo alte Menschen oder
frisch hereingekommene Ausländer aus Drittländern auf die nun fast
ausschließlich verwendete Sprache getrimmt wurden. Es war also nicht
ein Mangel an englischer Sprachkenntnis, sondern die Trauer über das
Verschwinden meiner eigenen Muttersprache.
Aus dieser Trauer sollte sich verhältnismäßig rasch Zorn
entwickeln. Als nämlich eine besonders fortschrittliche Partei die
Republik zu regieren begann, in der ich lebe, schuf sie mit einer
Übergangsfrist von nur einem Jahr die deutsche Sprache gänzlich ab.
Ihr Gebrauch war nach diesem einen Jahr gesetzlich verboten und
wurde bestraft. Die Strafen schienen anfangs erträglich, ich zahlte
einige Male das hiefür vorgesehene Bußgeld. Bald aber erfuhr man,
dass notorische Sprachsünder in eigenen Dateien gespeichert und nach
einer gewissen Anzahl von Einträgen in so genannte Sprachanstalten
gesteckt würden.
Diese Sprachanstalten stellten
eigentlich Haftanstalten dar, nur dass man täglich mit der
amerikanische Hymne geweckt wurde, dann Konversationsstunden in
verschiedenen amerikanischen Slangs zu absolvieren hatte und
einschlägige Filme vorgesetzt bekam, deren Inhalt anschließend
möglichst genau nachzuerzählen war. Amerikanisch. Natürlich!
Was als Essen und Standardgetränk
in diesen Anstalten geboten wurde, bedarf wohl keiner Erwähnung. Vor allem aber sprach man immer
wieder von der Freiheit. Eine Abbildung der Freiheitsstatue hing in
jeder Zelle. Die Freiheit wurde uns als das oberste Prinzip des
Lebens immer wieder eingebläut. Es war schlimm, es war wirklich
schlimm. Diese fünf Monate machten aus mir dennoch keinen
gebrochenen Mann. Das erste, was ich nach meiner Entlassung tat, war
der Kauf von Papier und Kugelschreiber. Dann begab ich mich in
meine verlassene Behausung, setzte mich damit auf die Toilette, weil
dort keine Kamera und kein Mikrofon montiert waren – und schrieb
diese Sätze nieder, die hier vorliegen.
Es tut ungemein gut, sich nach langer Zeit wieder in
Deutsch ausdrücken zu dürfen. Da ich die Sprache so lange nicht
verwenden durfte, mag sich meine frühere Gewandtheit (ich hatte in
meiner Jugendzeit sogar Gedichte verfasst!) darin verflüchtigt
haben. Aber – es ist deutsch, es ist meine Muttersprache!
Ob diese Zeilen, falls sie einmal jemanden in die Hände
fallen, noch gelesen und verstanden werden können, wage ich sehr zu
bezweifeln. Denn mit der kulturell gewachsenen Sprache war zugleich
auch das Rückgrat der Menschen verschwunden; so wie ein Stück
faschiertes Rindfleisch von den zwei weichen Hälften eines
Sesamweckerls eingeschlossen wird.
Den vorliegenden
Bericht verfasste ich für mich allein. Und ich werde nun damit
beginnen, ihn mir laut und deutlich, Wort für Wort, vorzulesen.
Mit großem Genuss!
|