Wurmloch Tini und das Einspluseins


Du hast gleichfalls den Lehrern mißtraut, liebe Leserin, lieber Leser, als sie ab der ersten Klasse starr und steif behaupteten, eins und eins sei zwei?
Ich bin froh, unlängst jemandem begegnet zu sein, der mich in meiner Skepsis diesem eisernen Satz gegenüber nicht nur bestärkte, sondern mich deshalb sogar würdig und wert befand, mich einer kosmischen Prüfung zu unterziehen...... Eine unwahrscheinlich intelligente Geschichte !

 

In der Kindheit träumen wir manchmal sehr wunderliche Dinge. Ganz am Anfang unterscheiden wir sie kaum von denen des Wachbewußtseins; die Welt ist uns ein Ganzes, ein wunderbares Ganzes. Wenn wir älter werden, lernen wir die Welten zu unterscheiden und betrachten Tagträumer als eher nicht geachtete Mitglieder unserer Gesellschaft. 

Hin und wieder besuchen uns aber selbst als ernsthafte Erwachsene Träume von Ganzheit und Harmonie. Wir vermögen uns zwar nur selten und bruchstückhaft an sie zu erinnern, sie erfüllen dennoch mitunter einen ganzen Tag voll Zuversicht und innerer Freude. 

Mir ist in dieser vergangenen Nacht Tini erschienen. Nein, keine Blondine oder gar ein Gespenst!  Tini ist ein Wurmloch. Eine Einstein-Rosenbrücke für die Eingeweihten. Eine Eigenheit unserer Raumzeit-Struktur, die man zum Reisen und sonst zu allerhand Schabernack benutzen kann. Ah, jetzt kommt es Ihnen bekannt vor; vom Physikunterricht. Wunderbar. Dennoch – Tini kennen Sie nicht! Lassen Sie sich mit ihr bekannt machen: 

Es begann mit einem Sternensurfen, wie man es sich im Traum nicht besser vorstellen kann. Man ist in Nullzeit überall, wo man will. Die Lichtmauer verkommt zu einem läppischen Ziegelwerk, und nichts ist einem unerreichbar. Das läßt in einem Kosmos voll Lebendigkeit und Leben naturgemäß unerschöpfliche Kreativität fließen. Das Wesen, das mich in diesem Traum ansprach, übertraf alle bisherigen Gebilde meiner blühenden Fantasie; es stellte sich als Wurmloch vor. „Ich bin das Wurmloch, welches du soeben benutzt!“

Das ist, um einen alltäglichen Vergleich anzustellen, so ähnlich, als würde das Auto, mit dem man gerade auf der Autobahn unterwegs ist, mit einem zu sprechen beginnen. Und man weiß nicht einmal, dass man gerade unterwegs ist, weil man in Träumen versunken war.  

Dann fragte es mich ohne Umschweife um meine weiteren Wünsche. Das schien eine Begegnung der dritten Art zu sein, die Vergnügen versprach. Nun, ich wünschte einen Fruchtsaft und einen leichten vegetarischen Snack. Probeweise sozusagen. Denn man kann nie wissen – was beim Wünschen herauskommen kann. Wir wissen es von unseren Märchen. Snack und Fruchtsaft mundeten himmlisch. Ich war außer mir vor Freude. Nun, liebes Wurmloch Tini, begann ich, nachdem ich mir den somischen Happen schmecken ließ, wie kommt es, daß du ein Wurmloch bist?  Auf unserer Erde, oder besser gesagt, in unserer Erde, leben Wesen von länglicher Beschaffenheit, die wir als Würmer bezeichnen. Was sie als Spur ihres Lebens hinterlassen, bezeichnen wir als Wurmlöcher.

Oh, erwiderte Tini, wir sind in siebenundzwanzigster Linie tatsächlich miteinander verwandt. Mütterlicherseits. Wenn ein Regenwurm in der Erde euren Augen entschwindet, wird er mit großer Wahrscheinlichkeit ganz woanders wieder auftauchen. Es gibt auch Würmer in Äpfeln. Sie müssen nicht  den Weg über die Oberfläche nehmen. Sie können überall an die Oberfläche kommen. Die Würmer benutzen Wurmlöcher, und sie erschaffen sie. Das sichert ihren Lebensunterhalt und ermöglicht ihnen im allgemeinen ein Leben in Sattheit und Erfüllung. 

Wow, erwiderte ich (nicht immer kann ich amerikanische Ausdrücke vermeiden, wenn mich etwas unerwartet in Erstaunen versetzt). Dann kann ich mit deiner Hilfe unter der Oberfläche tolle Abkürzungen nehmen und an den verschiedensten Stellen im Kosmos „auftauchen“?

Tini antwortete mir darauf nicht direkt. Oder tat sie es doch?  Ich weiß es ehrlich gesagt nicht mehr genau. Es war vielleicht doch etwas zu kompliziert, oder, besser ausgedrückt, zu einfach. Jedenfalls wollte sie mir verständlich machen, daß ich mir selbst diesen Weg durch die Welten bahne und daher dieses Wurmloch erschuf, das sie ist. 

Das ging mir nun ganz gegen den Strich. Ich, ein Wurmlocherschaffer! Das gefiel mir ganz und gar nicht, mit Wurmlöchern und sonstigen Löchern wollte ich nicht besonders viel zu tun haben.  Und wie schaut das alles, logisch betrachtet, aus? Richtig. Fast noch schlimmer als bei Bastian in der Unendlichen Geschichte, der als Leser in Wahrheit selbst der Held der Geschichte war. Frei nach dem Motto  „Ich und du, Müllers Kuh, Müllers Wurmloch, das bist du....“  Nein, das war nun wirklich ein großer Unsinn, den ich hier träumte. Daran konnte kein Zweifel bestehen! Dabei  ging es noch verrückter weiter. Denn Tini begann, mit mir eine Mathematikstunde abzuhalten. Zwischen zwei schwarzen Löchern fragte sie mich unvermittelt: Wieviel ist eins plus ein? 

Rascher als ein Pulsar sich einmal dreht, antwortete ich: zwei. Mein Wurmloch schüttelte sich vor Lachen, sodaß gleich drei Supernovae um uns aufglühten. Natürlich kann das Ergebnis nicht zwei lauten, belehrte es mich. (Ich verwende den weiblichen Artikel „sie“, wenn ich mein Wurmloch mag. Den sächlichen Artikel „es“ will ich nun verwenden, um meine Distanz zu der Erscheinung anzudeuten.)

Es fuhr fort: Du hast es immer so gelernt. Dennoch ist es grundfalsch!
Ich begehrte auf, das sei doch eine rein akademische Spielerei und können allenfalls unsere Philsophen und Mathematiker interessieren. Keinesfalls wäre dies das Thema für einen kosmischen Flugtraum.

Oh, erwiderte Tini daraufhin beinahe zärtlich: Es ist die Bedingung dafür, daß ich dich wieder nach Hause zurückbringe.  

Das war nun eine schöne Bescherung. Mitten zwischen den Galaxien, in einem Wurmloch, von dem niemand wußte, wer es war oder was es war oder ob es überhaupt war. Und ich mußte erfahren, daß ich nicht wußte, was eins und eins ergab. Aber was hilft es einem, über Unmögliches zu klagen, wenn man nach Hause will. Durchs All zu surfen macht unglaublichen Spaß, aber doch nicht ewig, liebe Leute!

Also begann ich nachzudenken. Sehr ernsthaft nachzudenken. Wenn mich die Schulweisheit hier im Stich läßt, folgerte ich messerscharf, muß ich mich tiefer in mein Inneres begeben. Das war eine sehr gute Schlußfolgerung. Wer weiß, ob ich jetzt im Wachzustand, wo ich die Geschichte niederschreibe, nur halb so klug gefolgert hätte. Ich entsann mich der Mystiker, der Weisen unseres Planeten, der alten Wissenschaften. Hatten sie nicht zu allen Zeiten schon vom Einen gesprochen, das kein Zweites neben sich habe? Natürlich. Das war es. Es gab in Wahrheit nur eins. Eins plus eins war demnach ebenfalls eins. Unglaublich, wie schlüssig einem die wirklichen Gedanken im Traum kommen. Ich war glücklich, die Lösung so rasch gefunden zu haben. Und teilte dies sogleich Tini mit.  

Gut antwortete das Wurmloch, sehr gut, mein Freund. Das ist in der Tat der erste Teil der Lösung. Da alles Wesentliche aber dreifach ist, überlege weiter. Du bist nicht der einzige Mensch auf deinem Planeten, dein Planet ist nicht der einzige Planet im Universum. Außerdem hast du mehr als ein einzelnes Haar auf deinem Kopf.

Wumm. Das war ein Knüller. Das Universum zeichnet sich, wie jedermann weiß, durch die allerununglaublichste Vielfalt aus. Zugleich eines, zugleich vieles. Uni-Versum. Vieles durch Eines. Beides also, kein Widerspruch. Die Lösung war mir wie im Traum zugefallen, so leicht schien sie. Tini jedoch schien nicht zufrieden zu sein mit meiner Überlegung. Du weichst von der Aufgabe ab, mein Freund, antwortete das Wurmloch streng. Du solltest beantworten, was eins plus eins ergibt. Das war die Frage.  

Da bewertete mich  Tini nun aber eindeutig zu streng. Denn ich wollte damit bloß auf eine weitere Unmöglichkeit des gewohnten Lehrsatzes hinweisen. Indem nämlich unzählig viele Dinge vorhanden sind, ergibt es sich von selbst, daß man sie nicht zusammenzählen kann. Ich erinnere mich, daß nicht einmal der Astronom auf seinem Planeten  in Saint Exupery’s Kleinem Prinzen alle Sterne am Himmel zu zählen vermochte. Dabei sah er längst nicht alle. Und dann die Rosen, die Gänseblümchen, die Regenwürmer und Grashalme, alle Finanzbeamten und die Regentropfen in den Meeren. Einem denkenden Geist erschloß sich sofort: zählen ist müßig. Ein jedes Ding im Kosmos mußte folglich einzigartig und unvergleichlich sein. Meine liebe Freundin, antwortete ich also sachlich und klar, alles im Kosmos ist einzigartig.  

Man kann zwei Rosen ebensowenig miteinander vergleichen wie zusammenzählen. Es ist immer nur eine Rose, eine Rose und wieder eine Rose; jede für sich alleine, jede einzigartig mit eigenen Zellen, eigenem Saft und einzigartig geformten Blättern. Es gibt keine zwei Rosenblätter im Kosmos, die einander völlig gleichen – und schon gar nicht einander identisch sind. Da alles einzigartig ist, kann man es nicht in einer Gleichung irgend etwas anderem gleichsetzen. Zwei Dinge oder Wesenheiten können einander höchstens ähnlich sein. Und das auch nur nach äußeren Kriterien, die man nach Belieben anlegen kann, wie etwa Größe, Farbe, Duft, Beschaffenheit und so weiter. Da die Zahlen von den Dingen abstammen (was weitgehend in Vergessenheit geraten ist auf meinem Planeten), gilt für sie dasselbe.  

Mein Wurmloch oszillierte in allen wunderbaren Farben der irdischen Rosen und begann ebenso zu duften. Gut, mein guter Freund, flötete es. Dein Planet muß ein guter Planet sein, wenn du das alles dort gelernt hast. So wird dir auch die Beantwortung des dritten Aspekts meiner Frage nicht schwer fallen. Du hattest ihn bereits leicht gestreift, wenn auch von einer nicht sehr fruchtbringenden Richtung aus; Eines und Vieles zugleich, du weißt schon .... 

Universum, ja das Universum. Um mich herum befand sich nicht eine Ansammlung von „diversen“, sondern von „universen“ Himmelskörpern ...... Ich erinnerte mich der uralten Wissenschaft, die als Grundausrüstung überall zur Verfügung steht, wenn Wesen über sich und die Welt Wissen erwerben wollen. Auf der Erde ist dies vor allem die Vedische Wissenschaft (Wissenschaft vom Wissen), die seit tausenden von Jahren für diesen Zweck zur Verfügung steht.  Sie konnte mir jetzt helfen, den Kreis zu schließen und die Ganzheit der Antwort zu formulieren. Ich wußte, ich würde in dieser kosmischen Situation die ganze Antwort finden.  

Es gibt nur Eines ohne ein Zweites, begann ich mit ruhiger und fester Stimme zu sprechen (Das war nicht selbstverständlich. Sternenstimmen können auch heftig, eruptiv oder sehr zusammengezogen wirken). Dieses Eine ist alles, das es gibt und es gibt zu keiner Zeit irgend ein Zweites. Um dieses Wissen aber in ganzem Umfang zu erfahren, bedarf es eines Vorgangs, einer ersten Bewegung, einer ersten Erfahrung seiner selbst. Ich erkenne mich. Durch diesen Vorgang wird ein Objekt im Selbst erschaffen. Es gibt also das Subjekt, das erkennt, und ein Objekt, das erkannt wird. Sowie den Vorgang des Erkennens, ohne welchen dies nicht möglich wäre. Also bereits drei Aspekte in diesem Einen. Würde einer dieser drei Aspekte fehlen, entstünde keine derartige Bewegung in der Einheit. Und daher auch keine Schöpfung. Denn der Vorgang, einmal in Gang gesetzt, hört naturgemäß nie mehr auf.  

Wer sagt „ich erkenne mich“ ist nicht mehr derselbe. Er ist nun jemand, der um diesen ersten Schritt der Selbsterkenntnis bereichert ist. Er (sagen wir Gott dazu) erkennt im Anschluß daran folgerichtig sich selbst als einen, der sich selbst erkannt hat. Es hat eine Änderung im subjektiven Aspekt der Ganzheit stattgefunden. Und ebenso ist das (rückbezügliche) Objekt nun um einen Wert bereichert. Subjekt und Objekt entfalten im „Gegentakt“ eine unendliche Reihe. Bis zur unermeßlichen Vielfalt, wie wir sie als Schöpfung bewundern. Denn aus den urspünglich sehr elementaren und einfachen Erkenntnisprozessen entstehen stufenförmig immer neue Schichtungen, bis hin zur materiellen Existenz. 

Das erscheint, in Worten ausgedrückt, recht kompliziert zu sein, ist für Gott hingegen das Allereinfachste von der Welt. Denn es gibt nach wie vor ja nichts anderes als ihn selbst. 

Tini nickte in ihrer ganzen Lange und strahlte mit den Pulsaren der Umgebung um die Wette.. Gut, sehr gut, mein Freund. Daher, setzte sie meine Überlegung fort, bedeutet jede Erkenntnis eines Sachverhalts oder eines Wesens oder einer Sache zugleich eine Erkenntnis seiner selbst. „Aham brahmasmi“ (ich bin das Weltall), erinnern sich die Wesen in diesem Stadium großer Freude. Diese ist gleichbedeutend mit der Erfüllung der Liebe, die als Leitstern in allen Herzen glüht, sie bis zu dieser Erinnerung führt.  

Nun hatte Tini offenbar meine Rolle eingenommen. Ich mußte gar nichts mehr sagen, verspürte aber das Bedürfnis, die Sache mit eins plus eins nochmals zu beleuchten. Ich wollte mir die Rückkehr zur Erde schließlich ehrlich verdienen. Es fehlte noch ein Teil in der Beantwortung der gestellten Frage. Als hätte sie meine Gedanken gelesen, fragte Tini unvermittelt: was also kann eins plus eins in allen erdenklichen Dimensionen niemals ergeben? Ich überlegte keine Nanosekunde. Zwei, die Zahl zwei kann es niemals sein! Und ich erkannte in diesem Augenblick: die Zwei hatten die Menschen noch nie wirklich geliebt. Kam nicht das Wort Zweifel von Zwei; leitete sich nicht sogar das Wort Teufel davon ab? In Zwiespalt sein, einen Zwist austragen. Diese und viele Hinweise gibt meine eigene Sprache auf das Gefühl, das uns innewohnt.

Das Wurmloch hörte auf zu pulsieren, es hielt quasi den Atem an. Leider, leider Gottes, mein guter Freund. Geh zurück, besuche eine Schule, frage die Menschen auf der Straße oder in den Universitäten der Erde nach dem Ergebnis der Gleichung eins plus eins. Sie werden dir genau diese eine unmögliche Antwort geben. Sie wird überall „zwei“ lauten. 

Aber das ist dennoch nicht richtig, warf ich ein. Und überhaupt kann man in Wahrheit nichts zusammenzählen, nichts vergleichen...... Mein Wurmloch lachte und schüttelte sich; ja, es wollte gar nicht aufhören, sich zu schütteln. Doch, mein Freund, mein guter Freund, indem sie es sagen, ist es so. Solange sie es sagen, wird es so sein.  

Übergangslos wachte ich auf. In Wurmlöchern vergeht keine Zeit, wußte ich. Ich fühlte mich nicht einmal benommen. Hatte ich am Ende gar nicht geträumt, sondern die Geschichte tatsächlich erlebt? Im Zimmer war es ruhig, meine Frau schlief friedlich neben mir. Es hatte schon leicht zu dämmern begonnen. Ich setzte mich auf und ließ Tini noch einmal durch meinen Geist pulsieren. Sie lachte noch immer ihr fröhliches Sternenglockenlachen. Ich vernahm es deutlich in mir. Da mußte ich ebenfalls lächeln. Ich blickte auf meine bessere Hälfte. Irgendwie sind wir bereits auf dem Pfad fort von der Zwei, dachte ich mir. Trachten nicht die meisten Paare danach, drei zu werden oder noch mehr? Unsere beiden großen Töchter waren dem Beispiel gefolgt und hatten gleichfalls Kinder. Viele viele andere Menschen ebenfalls. Eine Freude, dachte ich, wir sind doch auf dem richtigen Weg!

Und in der Tat: Wir sind körperlich und seelisch dafür angelegt, aus dem Alleinsein mithilfe eines Vorgangs, der nur zu weit ausgeführt werden kann, drei und mehr zu werden. Wobei der Vorgang der Vermehrung durchaus mit Freude verknüpft ist und man mit jedem anderen Wesen, wie auch mit zunehmenden Graden an Erkenntnis der Dinge dieser Welt, sich selbst besser kennenlernt.

 

 

Walter Kiesenhofer, walkie@gmx.at

 
 

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