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Die Tränen des Mädchens |
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Es war einmal ein kleines Mädchen, das wollte gern über die große Bucht fahren, die in der Nähe des Hauses begann, wo es mit seinen Eltern und seiner kleinen Schwester Julia lebte. Doch die Familie war nicht sehr reich und besaß nicht einmal ein Auto. Als das Mädchen dann zur Schule musste und jeden Wochentag mit dem Schulbus auf der Hauptstraße abgeholt wurde, erzählte es den anderen Kindern viel von dem großen Wasser vor seinem Haus. Aber die andern fragten immer nur, ob er viele Fische hätte und wie groß die Fische seien. Dass sie einmal mit einem Boot an das andere Ufer fahren wollte, dort wo sich die Bucht in einem schmalen Durchlass zur See öffnete, dafür brachten sie kein rechtes Verständnis auf. Sie dachten praktisch und fragten, wenn sie etwas Neues hörten: kann man das essen, was kann man damit tun, welchen Nutzen hat man davon usw. So ging das Mädchen am Abend, nach den Hausaufgaben, gern allein hinunter zum Seeufer und hielt Zwiesprache mit den Wellen und den Fischen, die dort ihre Köpfe über die Oberfläche zum Himmel hinausstreckten und ihm manchmal, wenn ihnen danach zumute war, auch ein Stück entgegen sprangen. Leila (so hieß das Mädchen) sah oft zum weit entfernten jenseitigen Ufer hinüber, wo man zwischen den verschwimmenden Landzungen den Beginn des Meeres mehr erahnen als sehen konnte. Selten war Genaueres ausnehmen; sie hatte auch noch nie gehört, dass jemand schon dort gewesen wäre, und wie es dort wirklich aussah. Es
war ein schöner Frühsommerabend zu Beginn der Ferien, die Luft
fühlte sich angenehm weich und mild an. Die Lieder der Vögel meinten
es gut mit ihr und sie saß wieder allein unten am flachen Ufer. Da
hörte sie mit einem Mal ein wohltönendes Klingen, so als ob Gläser
leise aneinanderklirrten und viele hübsche Melodien andeuten
wollten. Als sie aufsah, glitt ein kleines Boot ans Ufer, das wie
aus Glas gemacht aussah und unter einem hellblauen Segel in hundert
Farben schillerte. Zwei Frauen saßen darinnen, beide in ein langes
hellblaues Gewand aus Seide gekleidet, mit bunten Knöpfen um den
Hals und einer langen Kette aus Muscheln um den Hals. Beide waren
blond; die eine hatte die Haare lose um ihre Schultern hängen, die
andere hatte es zu vielen kleinen Zöpfen geflochten, die lustig
baumelten, wenn sie ihren Kopf bewegte. Hallo Leila, willst du mit
uns kommen, wir fahren über den See! Das ganze Boot ist aus Zucker gesponnen. Es wird dich ernähren und für dich sorgen. Uns ist bekannt, wie sehr du Süßigkeiten magst. Das Boot schmeckt nach Erdbeeren und Himbeeren, innen durftet es nach Pfirsichen, und überall darfst du davon naschen! Mein Vater, meine Mutter! Ich muss sie vorher fragen! Leila konnte doch nicht so einfach davonfahren, die Guten würden sich bestimmt bald Sorgen machen. Keine Angst, entgegneten die Damen einstimmig, wir sprachen bereits mit ihnen. Sie sind einverstanden, weil sie wissen, wie sehr du dir das immer gewünscht hast. Komm, Kind, komm .... Leila
erhob sich und war mit einem kleinen Satz an Bord des wundersamen
Bootes. Oh, wie das roch und wie das duftete! Und wie freundlich sie
empfangen wurde! Als sie vom Ufer abstießen und mit leisem Klingen
auf das offene Wasser hinaus glitten, fühlte sie sich so glücklich,
dass sie weinen hätte können. Jetzt erst merkte sie, dass der Boden
des wundersamen Bootes, in allen Farben schimmernd, gleichfalls
durchsichtig war. Oh, wie sie sich freute, als sie die ersten Fische
unter ihren Füßen beobachten konnte! Offensichtlich sahen die Fische
auch sie im Boot sitzen, weil immer mehr und mehr unter das süße
Fahrzeug glitten und sich bald darunter tummelten wie in einem
gefüllten Aquarium. Oh, ihr lustigen Fische, sehe ich euch endlich
ganz aus der Nähe! Sheila klatschte in die Hände, die Fische unter
ihr schwänzelten im Takt dazu, manche guckten zu ihr nach oben, als
ob sie mit ihr sprechen oder singen wollten .... Am dritten Tag hätte Leila nun doch gern mit den Damen gesprochen, weil das jenseitige Ufer immer noch so weit entrückt blieb wie am Beginn ihrer Reise. Sie erwiderten darauf, dass sie gut unterwegs seien, dass alles in Ordnung wäre und dass sie nur tüchtig naschen solle von dem Boote. Das Wasser schöpften sie sich direkt aus der Bucht, es war sauber und rein. So ging es zwei oder drei weitere Tage. Die Luft bewegte sich immer noch nicht; alles um sie herum war vollkommen still. Am fünften Tag begann Leila zu weinen. Sie vergoss Tränen der Enttäuschung, wohl auch aus Angst und wegen der zunehmenden Sehnsucht nach ihrem Zuhause. Die beiden Damen würden doch hoffentlich die Wahrheit sagen; man würden schließlich das neue Ufer erreichen. Oder doch nicht? Dieses unbekannte Ufer jedoch verharrte in der Ferne, unnahbar und vage; so wie sie es kannte. Jenes Ufer, von wo sie weggefahren waren, das lag nun ebenso fern und ebenso vage, verborgen im Dunst des Tages. Sie befanden sich sicherlich in der Mitte der Bucht, das Mädchen weinte immer heftiger. Je mehr die beiden Damen sie zu trösten suchten, um so mehr weinte es. Überall, wo eine Träne den Boden des Bootes berührte, entstand augenblicklich eine kleine Lache, und es zischte dabei, als bestünden sie aus Salzsäure. Leila, Kind, hör auf! Unser Boot kann alles ertragen und aushalten, nur keine Menschentränen. Komm, sei vernünftig, erzähl etwas von der Schule, von daheim. Bitte höre auf zu weinen! Von daheim? Da begann sie noch lauter zu schluchzen und noch größere Tränen zu vergießen. Wie würde es Vater und Mutter gehen; ob sie wohl ebenfalls Sehnsucht nach ihr hatten, und auch ihre Schwester Julia, vielleicht sogar ihr Hamster Brutus. Wie gern wäre sie jetzt zuhause gewesen! Das ganze Boot aus gesponnenem Zucker hätte sie dafür gegeben. Und so war des Schluchzens und Weinens überhaupt kein Ende mehr. Jeder Tropfen ihrer salzigen Tränen aber löste den Zucker des Bootes auf. Wohin ein Tropfen fiel, löste er ein kleines Stück des Bootskörpers auf - und machte nicht halt, bis er durch den schimmernden Schiffsboden gedrungen war, wo er im Wasser des Sees aufging. Auf diese Weise entstanden allmählich zehn, zwanzig, fünfzig kleine Löcher im Boden des Bootes. Durch diese begann Wasser einzudringen, langsam und stetig. Das Boot sank mit seinen Passagieren tiefer und tiefer. So sind sie schließlich alle miteinander untergegangen. Die beiden Damen, das Boot aus gesponnenem Zucker und Leila. Ganz nahe sah sie die großen Augen der Fische, ganz ganz nahe… und schaute hinein - und sah mit einem Mal in die warmen braunen Augen ihrer Mutter. Sie fand sich in ihren Armen, im weichen Gras am Ufer, wo sie offenbar eingeschlafen war und geträumt hatte. Ich habe mir Sorgen gemacht, Kind, weil du heute nicht zu deiner Zeit nach Hause gekommen bist. Gehen wir, es sieht ein wenig nach Gewitter aus dort im Westen, komm. In der Tat waren Wolken aufgezogen. Im Westen, wo sich die Bucht ins weite Meer öffnete, sah man nichts mehr als eine graue Wolkenwand. Ja, Mutter, gehen wir. Sie schlang den rechten Arm um ihre Mutter und küsste sie ganz dankbar, bevor sie beide aufstanden und zum Haus zurück schritten. |
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Walter Kiesenhofer, walkie@gmx.at |
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