Vater unser
– im Licht Neuer Mystik
Mystik war schon zu allen Zeiten ein „mystischer“
Begriff, weshalb sie uns Heutigen ganz besonders fremdartig und
unverständlich erscheint. Früher wurde sie vor allem von den drei
großen
Buchreligionen bekämpft, welche sich durch die Botschaft der Mystiker in ihrer
eigenen Existenzberechtigung als Mittler zwischen Himmel und Erde
bedroht sahen.
Heutigentags gilt überhaupt nur, was rational erklärbar
ist, als möglicher Gegenstand sinnvoller Betrachtung. Was von der
klassischen Mystik eines Angelus Silesius oder Meister Eckehard ja
tatsächlich nicht gerade behauptet werden kann. Warum dann also
diese verstaubte und oft auch merkwürdig verbohrte Art der Literatur nicht überhaupt
vergessen?
Immanuel Kant hat
bereits geseufzt, daß sich das Unrationale, wie immer man es bannen
oder ächten möchte, doch immer wieder zur Hintertür einschleicht. Er
hätte nicht seufzen müssen – sondern etwas genauer hinsehen sollen.
Dann wäre ihm nicht entgangen, daß die Verhältnisse oft genau
umgekehrt laufen!
Wir sehen an allen Ecken und Enden, wie wenig rational
von den Menschen in Wahrheit gehandelt und entschieden wird; ob in
der Politik, in der Wirtschaft oder in der Wissenschaft, die sich
selbst am wenigsten kennt und nicht weiß, zu welchem Zweck und Ende
sie jeweils so eifrig betrieben wird. Man muß gar nicht sonderlich tief
blicken, um in die Bereiche der Unschärfe vorzudringen, in Schichten
von wirklicher Verschwommenheit....
Daß im Gegensatz dazu die echte Mystik weitaus klarer,
mutiger und kritischer operiert, ist (der allgemeinen
Angst vor allem Wesentlichen entsprechend) weder bekannt, noch
interessiert es selbst Denker oder Künstler ernsthaft. Ich will hier
ein Beispiel geben, wie unbeeindruckt von überkommenem
Gewohnheitsdenken - wie nüchtern und sachbezogen Mystik selbst
bestvertraute Gebete betrachtet und zu welchen revolutionierenden
Ergebnissen sie zu kommen vermag.
Sachlichkeit,
Nüchternheit und Rationalität sind aber Attribute, die allgemein als
durchaus zeitgemäß gelten. Wie paradox!
Angenehm
freilich – und das muß zugegeben werden – ist dieses völlig
nüchterne Betrachten von Altgewohntem sicherlich nicht immer.
Neulich, vor dem Einschlafen, als ich mich fragte, warum ich
mich selbst immer wieder auf diese „ab-wegigen“ Denkpfade begebe,
ist mir ein Satz eingefallen, der fast so etwas wie eine Definition
sein könnte:
„Mystik ist vollständige Freiheit im Denken, getragen von der
unbedingten Liebe zur Wahrheit Gottes.
Das Beispiel „Vater unser“
Vater - im Himmel:
Das Gebet beginnt mit der Bezeichnung
desjenigen, an den es sich richtet. Das ist nicht besonders
erwähnenswert. Schließlich soll ein Gebet ja, ebenso wie ein Brief
oder ein Telegramm oder eine E-Mail, einen bestimmten Empfänger
erreichen. Der Adressat wird hier klar als Vater angesprochen, als
unser Vater, und als Bestimmungsort der Himmel
angegeben. Dieser unser Vater wird also nicht "hier unten" vermutet
oder gesucht.
Geheiligt sei dein Name!
Dann wird der Wunsch geäußert, daß sein Name geheiligt
werde. Das ist gut und schön, sehr schön sogar. Aber nur der
Name?
Dein Reich komme!
Zum zweiten Mal wird angezeigt, daß das Reich, in dem seine
Autorität gilt (ein jeder Herrscher besitzt nur Autorität im eigenen
Land bzw. Reich), nicht hier bei uns ist. Er und sein Reich bleiben
in einer Ferne, wo der gewöhnlich Sterbliche, solang er sterblich
ist, keinen Zutritt hat. Die diesseitige Welt stellt also ganz
deutlich nicht seine Welt dar. Jesus sagte bei seiner
Verhandlung vor P.Pilatus einmal selbst, daß sein Reich nicht von
dieser Welt sei. Sprach er hier für sich als Person – oder in seiner
Eigenschaft als dreeinige Gottheit. Wessen Welt ist es dann
eigentlich, worin wir alle leben?
Dein Wille geschehe!
Ja, wessen Wille sonst, wenn Gott allmächtig ist und nichts ohne
seine Zustimmung geschehen kann? Unser Menschenwille? Und könnten
wir diesen gegen den Willen Gottes durchsetzen? Nehmen wir einmal
an, es sei so: würden wir dann nicht am besten damit fahren, wenn
wir uns am Willen des Schöpfers und Allmächtigen orientieren und uns
danach halten - besonders als Angehörige von Religionen, die solches
predigen?
Zumindest ich habe bisher noch keinen einzigen
Christen erlebt, der diesen Satz für sein Leben merkbar verwirklicht
hätte. Im Gegenteil, alle Christen, die ich kenne, zeichnen sich
durch ausgesprochen schwach fundiertes Gottvertrauen aus, wenn es um
die Tiefe im Leben geht. Um nicht zu sagen: man läßt ihm zwar
allezeit gern seinen Willen, traut ihm aber, was einen selbst
betrifft, nicht besonders viel zu und meint, alles und jedes selbst
in die Hand nehmen zu müssen. Wenn das nicht reicht und man sich
schließlich doch auf ihn angewiesen fühlt, bestürmt man ihn halt und
bittet und betet, um ihn gnädig zu stimmen.
Daß ein Vater
von sich aus das Beste für seine Kinder will, ohne daß es vieler
Bitten bedürfte, erscheint einem hier plötzlich gar nicht
selbstverständlich. Das traut man „ihm“ erst recht nicht zu. Die
Welt ist hart. Für alles muß man zahlen – oder zumindest inständig
bitten..... Daß sein Wille in der Tat IMMER der bessere wäre, kann
man sich ohnehin nicht vorstellen.
Unser tägliches
Brot gibt uns heute ......
Wie neidig, wie geizig muß uns ein Vater sein, der von den
eigenen Kindern an deren grundlegende Bedürfnisse erinnert werden
muß.... noch dazu mit einer harschen Aufforderung. (Haben frühere
Bitten nichts gefruchtet?) Welch ein Vater wird hier angesprochen;
unser Vater – im Himmel, unser Schöpfer, das Leben, die Liebe?
Doch wohl eher einer, der sich nach der Geburt der
Kinder in ferne Gegenden (weit weg im Himmel) verkrümelte und
von seinen Kindern nichts wissen will....Würden wir einen solchen
Vater nicht alle als Rabenvater bezeichnen, der von seinen Kindern
aufgefordert werden muß, ihnen zumindest das tägliche Brot nicht
vorzuenthalten? Nicht Butter drauf oder Torten oder gar Kaviar. Oder
eine Barbie oder ein Computerspiel. Nein, um das tägliche Brot muß
man bitten. Und das einen Vater, der alles andere als arm wäre, der
als der Herr aller Welten gilt, der über allen Reichtum der Welt
verfügt und über noch viel mehr.
Vergib uns unsere
Schuld:
Wenn Gott der Vater (vielleicht auch Gott die Mutter; jedenfalls
unser Schöpfer) ist und uns nach seinem Bild schuf, wie können wir
Schuld auf uns laden? Ist das Original unvollkommen oder gab es
"Übertragungsverluste" beim Kopieren oder Klonen?
Der freie Wille war wohl das wertvollste aller Geschenke
Gottes an uns. Und er hat ihn uns nicht halb und halb gelassen,
sondern in vollem Ausmaß geschenkt. In wahrhaft göttlicher
Großzügigkeit. Mit allen Konsequenzen, die sich daraus ergeben. Mit
allen Möglichkeiten der Weltgestaltung und Selbstverwirklichung; von
Mahatma Gandhi bis Adolf Hitler. Die ganze Freiheit haben heißt nun
einmal auch Terrorist sein und Mörder, oder Dieb oder Heiliger.
Wenn der eine schuldig geworden ist und der andere
nicht, müßte man Gott wohl als den Hauptschuldigen sehen, da er dies
in die Welt gerufen und ermöglicht hat. Wir wissen jedoch
unzweifelhaft: Nichts geschieht ohne ihn. Weder im Himmel noch auf
Erden. Überall ist er(sie,es) gegenwärtig und es gibt nichts
außer ihm. Wer also soll WIRKLICH an wem schuldig werden können –wer
wem verzeihen? Und wofür?
Und führe uns nicht
in Versuchung! Ein Vater, der seine Kinder in Versuchung
führt, der fähig ist, sie vom rechten Weg wegzuführen, und den man
bitten muß, es nicht zu tun ..... Welcher Vater, der seine Kinder
liebt, wird denn diese versuchen bzw. verführen wollen? Um Gottes
Willen!
Oder will er
sie bloß ertüchtigen und „trainieren“, damit sie diszipliniert
werden und allen Versuchungen widerstehen lernen. Wäre doch eine
moderne Idee. Die Welt als Fitneßstudio Gottes. Unausgesprochen
steht hier die Hölle dahinter, als Drohung dafür, wenn man den
Versuchungen erliegt. Oder andere unerquickliche Möglichkeiten, für
seine Schwachheit und Sünden zu büßen.
Man sollte
einmal eine ganz einfache und sachliche Frage stellen: Wenn jemand
einen anderen versucht, was ist er dann?
Ein Versucher. Richtig. Wer aber wird gemeiniglich als Versucher,
als „der Versucher“ bezeichnet? - Unser Vater?? Im Himmel ??
Sondern erlöse uns
von dem Bösen .....
Existiert etwas "Böses", kann es nur von Gott geschaffen und
gewollt worden sein. Denn er/sie/es ist das Eine ohne ein Zweites.
Das Alpha und das Omega.
Folglich ist das, was uns böse erscheint, genauso Gott wie alles
andere im Universum. Nicht weniger und nicht mehr. Denn die eins ist
unteilbar.
Soll er uns also vor sich selbst erlösen ???
Welch ein Gebet!
Und doch ist es wirklich und wahrhaftig von Gott - denn wer oder was sollte
wohl je aus anderen Quellen stammen können?
Das "Gebet des Herrn" stammt also zweifellos von Gott selbst. Ebenso
wie alles Existierende, ebenso wie Jesus, Moses, Siddharta Gautama Buddha,
Theresia von Avila, Saddam Hussein, Shakira, Bush - oder du oder ich .....
Amen.
So sei es.
|