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DIE VERSAMMLUNG
Es
war ein warmer Abend im späten Juni des vergangenen Jahres, als ich
allein vor dem kleinen Holzhäuschen saß, das uns mein Vater vor
seinem Tod geschenkt hatte. Es befindet sich auf einer nach Süden
geneigten Waldlichtung, etwa 30 Kilometer nördlich von Linz/Donau.
Wir fahren aus der Stadt gern dort hinauf. In nicht einmal einer
halben Stunde findet man sich in einer Gegend wieder, wo sich Fuchs
und Hase gute Nacht sagen und kann sich in freier Natur erholen.
Zu
nächtigen wünscht dennoch niemand von uns, obwohl wir eine
ausziehbare Bettbank besitzen und Bettwäsche für zwei oder drei
Personen im Schrank lagert. Nur ich allein bleibe dort jedes Jahr
einige Male über Nacht. Das Fortschreiten des Abends und der
Übergang zur schwarzen Nacht rufen Erinnerungen wach, die
normalerweise verschüttet bleiben. Auch die Sterne sieht man in den
klaren Nächten, wie man sie durch den Dunst der Stadt in ihrem
vielem Gelichter niemals wahrnehmen kann.
Der Himmel nur wenig bewölkt und ließ immer
wieder Scharen von Sternen sehen, ein schwacher Luftzug strich aus
Westen vom Fluss herauf. Manchmal ratterte ein Zug unten in der
Ferne vorbei, sonst war von Menschenwerk nichts zu hören und nichts
zu sehen. Ich hatte keinerlei Licht eingeschaltet und genoss das
Fortschreiten der Dämmerung. Um etwa 22 Uhr begann ich mit meiner
Abendmeditation. Unter freiem Himmel ist das eine besonders schöne
Erfahrung. Ich erfreute mich der Erhabenheit, der Klarheit und der
Stille dieses Ortes und schloss langsam die Augen. Ein wenig kam man
sich dabei ja auch vor wie ein echter Jogi im Himalaya.
Da hatte ich mit einem Mal das Gefühl, nicht
mehr allein zu sein. Leises Gemurmel erhob sich auf der Lichtung vor
mir, Lichtschein drang zeitweilig durch meine Augenlider, allmählich
konnte ich Worte verstehen, aber auch seltsame Geräusche wie von
Maschinen oder wie von schnaubenden großen Tieren vernehmen.
Wenn ein Mensch tief in sein eigenes Selbst
eintaucht, treten im Anschluss daran mitunter seltsame Formen und
Lichter auf. Man gewöhnt sich im Lauf der Jahre daran und misst den
Erscheinungen keine großartige Bedeutung bei, außer es erscheinen
kosmische Vorhänge aus Licht, oder Kaskaden aus Farben; oder man
findet sich überhaupt zwischen den Sternen wieder, was
verständlicherweise ganz besondere Genüsse sind. Da aber an manchen
Tagen auch eher unangenehme Gefühle auftreten können, lässt man
beides ohne große Beachtung.
Diesmal jedoch wurde ich neugierig, richtig
neugierig wie im „normalen Leben", und ich öffnete die Augen einen
kleinen Schlitz. Das genügt normalerweise, um derlei Gaukelei zu
unterbrechen, so wie wenn man die Fernsteuerung des Fernsehers nimmt
und das Gerät abschaltet bzw. ein anderes Programm wählt.
An diesem Abend aber verschwand nichts,
sondern es erschien, was ich vage wahrgenommen hatte, erst recht!
Ich öffnete die Augen ganz und war als erstes verwundert über die
Helligkeit auf der Lichtung und über dem Wald. Es herrschte Neumond
und eigentlich hätte es bereits finstere Nacht sein müssen,
lediglich erhellt vom glimmenden Band der Milchstraße.
Was ich sah, war ganz und gar unglaublich: es
hatten sich viele Wesen, hier auf der Lichtung versammelt! Sie saßen
auf verschiedensten Sitzgelegenheiten oder standen oder schwebten in
der Luft, wie die unzähligen Lichter, welche die Szene erleuchteten
und wie große Glühwürmchen zu Zigtausenden hin und her schwebten.
Viele sprachen durcheinander, kleinere Gruppen debattierten heftig,
saßen gelangweilt auf Baumstrünken oder einfach in der Wiese. Jetzt
bemerkte ich erst, wie unterschiedlich diese Leute aussahen. Da gab
es welche ganz vorne am Waldrand, die waren wie Elefanten, andere
wieder wie große biegsame Nadeln, einige erschienen mir wie Wölfe
oder große Hunde, dann gab es vornehme Erscheinungen wie
Geschäftsleute, mit Laptops auf ihren Knien.
Auch Frauen sah ich, sie redeten nur wenig
durcheinander; eine auf dem Weg neben meinem Auto maß bestimmt drei
Meter in Höhe und Breite. Ich hoffte, sie würde nicht auf die Idee
kommen, meinen geliebten fahrbaren Untersatz als Sitzgelegenheit zu
benutzen. Ich wusste von den Wesenheiten ja nicht einmal, ob sie aus
Ektoplasma bestanden oder aus handfester Materie - und womöglich
Tonnen wogen. Ob im Fall eines Falles meine Kaskoversicherung ein
plattgesessenes Auto ersetzen würde, wagte ich zu bezweifeln. Vor
meiner Hütte hielten sie Abstand. Ich merkte rasch, dass ich für
mein Teil nichts zu befürchten hatte. Aber auf die Idee, Angst haben
zu sollen, kam ich ohnehin nicht.
Ich war vielmehr neugierig, was es mit dieser
Versammlung auf sich hatte und ob man aus dem großen Durcheinander
eine einheitliche Linie erkennen könnte, einen Sinn oder einen Zweck
dieser Zusammenkunft, oder sonst irgend etwas in der Richtung, was
der Verstand beantwortet zu haben wünscht. Lange musste ich nicht
warten. Das Geraune, Geschnaufe, das Rumoren und Ächzen, nahm
zusehends ab. In der Mitte der Lichtung entstand Raum, die
Versammlungsteilnehmer wichen mehr und mehr zu den umstehenden
Bäumen zurück. Die fliegenden Lichter ordneten sich im Kreis über
der Lichtung an und erhellten die freie Fläche. Es sah beinahe aus
wie eine Bühne mit darüber angebrachten Scheinwerfern. Bei diesem
Zurückweichen trat auch eine gewisse Ordnung zutage: in der ersten
Reihe verblieben die Geschäftsleute in den Nadelstreifanzeigen mit
ihren Laptops auf den Knien, es folgten die verschiedenartigen
Frauengestalten, und zwar in ansteigender Größe, andere menschliche
Erscheinungen unbestimmbaren Geschlechts, dann die Tiergestalten,
vorne die hundeartigen, die Schakale und so weiter, ganz hinten
verblieben die Elefanten, erst die mit einem Rüssel, dann die
Zweirüssler und ganz zuletzt die Vielrüssler. Es wurde spannend!
In der Tat trat nun völlige Stille ein. Ich
räusperte mich vernehmlich, dass man auf mich aufmerksam würde.
Irgendwie wollte ich doch auch dazugehören. Da ich meinen Laptop in
der Hütte wusste und ihn innerhalb weniger Sekunden in Händen haben
konnte, rechnete ich mir doch einen Platz ganz vorne aus.... Aber
niemand schenkte mir Beachtung. Denn gerade in diesem Augenblick
begann jemand auf der freien Fläche inmitten der Lichtung zu
sprechen. Die tiefe Männerstimme war bis zu mir herüber deutlich zu
verstehen. Sie gehörte jemandem, der es offenbar gewohnt war,
Gehorsam einzufordern; sie besaß Autorität und etwas ganz und gar
Überzeugendes.
“Liebe Geschäftsfreunde,“ begann die Stimme,
„ich danke Ihnen, dass Sie zu unserem Quartalstreffen wieder
vollständig erschienen sind. So können wir gleich zum ersten Punkt
unserer Nachtordnung kommen, den Erfolgszahlen unserer einzelnen
Abteilungen. Ich darf gleich vorwegnehmen, dass es uns auch in
diesem Zeitabschnitt wieder gelungen ist, mehr Menschenzeit auf
unsere Konten zu buchen.“
Ich kniff die Augen zusammen. Die freie
Fläche, auf die alle starrten, war vollständig einzusehen. Ich hörte
die Stimme von dort kommen, aber ich sah niemanden, zu dem diese
Stimme gehören mochte. Gut, dachte ich, vielleicht sind bei den
Dämonen die meisten nur „gewöhnlich" unsichtbar; manche aber selbst
für Unsichtbare unsichtbar. Ist doch auch bei den Menschen nicht
anders. Wer sieht bei diesen schon die wirklichen Machthaber jemals?
Dass es sich bei der Versammlung auf meiner
Lichtung um Dämonen handelte, war mir inzwischen klar; und was nun
in der Tagesordnung bzw. Nachtordnung folgte, klang in der Tat
höchst dämonisch....
Es erhob sich einer der Nadelstreife, trat
aus dem Kreis der glimmenden Laptops auf die Lichtung vor und ließ
eine ölige Stimme über die Versammlung ertönen: „Meine Abteilung
kümmert sich, wie alle wissen, um das Befördern von Menschen. Wir
leisten beim Aufwand das meiste, wir ernten aber auch die meisten
Opfer.“ Selbstgefällig strich er sich durch den kurzgeschorenen
Kinnbart und genoss die Bewunderung aller. Man wusste in diesem
Kreis natürlich um die fast lückenlose Versorgung der Menschheit mit
Fortbewegungsmitteln. Dann fuhr er fort: „Erfolg kommt aber nicht
von ungefähr. Es ist nicht einfach so, dass immer mehr Menschen
rasch von einem Ort zum anderen wollen; sie entwickelten auch
Sicherheitseinrichtungen, um die Opferzahlen so gering wie möglich
zu halten. Mit Schaudern denke ich an die Einführung von ABS und
Airbag. Aber das sind in Wahrheit nur Episoden. Denn indem durch die
Zusammenarbeit mit den Abteilungen Leichtsinn, Überheblichkeit und
Unzufriedenheit vor allem junge Menschen zu größerer
Risikobereitschaft beeinflusst werden konnten, steigt summa summarum
die Zahl der Menschenopfer auch auf den Straßen stetig an. Wir waren
flexibel genug, alle nennenswerten Gegenströmungen raschest in den
Griff zu bekommen. Wobei auch die Abteilungen für die geistige
Beschränkung sehr lobenswert zu erwähnen sind. Kurz und gut, die
europäischen Zahlen können sich sehen lassen, jeden Tag werden uns
mindestens einhundert gesunde Menschenleben auf diese Weise
dargebracht!“
Nun erhob sich Applaus. Denn von den
Menschenopfern, muss man wissen, leben diese Wesenheiten in
Wahrheit, davon zehren und leben sie. Nachdem der Applaus verebbt
war, warf der Nadelstreif mit Hilfe seines Laptops und eines Beamers
Statistiken und Zahlen auf eine imaginäre Leinwand über den Köpfen
der Anwesenden.
Nach ihm folgte ein weiterer Nadelstreif. Er
vertrat die Waffenindustrien der Menschen und war für deren
Weiterentwicklung verantwortlich. In diesem Quartal kam er auf
besonders erfreuliche Opferzahlen, aber nur mithilfe eines
Kunstgriffes. Er rechnete nämlich auch Attentate und Anschläge in
sein Ressort, was anderen Abteilungen gegenüber unfair war. Da er
über alle Waffen der Welt verfügte, wagte jedoch niemand der
Anwesenden, ihn auch nur zu unterbrechen. Der Applaus fiel nicht
ganz so kräftig aus, hier konnten sich die anderen etwas rächen. Ihm
folgten weitere Nadelstreife und Männer und Frauen in Talaren und in
religiösen Roben. Sie verwiesen auf vergleichsweise eher subtilere
Erfolge.
Eine besondere Gruppe unter den
Vorfeldabteilungen bildet jene der Hardwareentwickler und
Softwareentwickler, die seit Jahren sehr fruchtbar zusammenarbeiten,
was unter Dämonen selten vorkommt. Für diese Ausnahme zeichneten
sich dafür aber auch riesenhafte Erfolge ab, wie ich erfuhr.
Durchschnittlich verbringen User in den so genannten zivilisierten
Ländern etwa vierzehn Stunden täglich vor Computerbildschirmen.
Durch die weitere Verknüpfung mit der neuen Abteilung für
Telekommunikation zeichnen sich vor allem im Bereich der
Internetpflege weiterhin signifikante Zuwächse an Zeitgewinnen für
die Dämonen ab.
Dies ist ein großer Erfolg für die neue
Verknüpfungsform von Abteilungen, ihr würden in Hinkunft weitere
Versuche folgen – das war jedermann auf der Lichtung klar. Ein
beinahe noch größerer Applaus als der erste für die Zahl der
Menschenopfer durch die neuen Beförderungstechnologien brandete auf.
Denn die Dämonen leben nicht nur von
Menschenopfern allein. Für Luxusdinge und ein dämonenwürdiges Dasein
bedarf es all der Stunden, welche die Menschen ihnen freiwillig zu
opfern bereit sind und von ihrem eigenen Leben abzweigen.
Ein unangenehmer Geschmack machte sich auf
meiner Zunge bemerkbar. Wenn ich selbst jene Zeit zusammenzähle, die
ich wöchentlich von meinem Leben abzweige, indem ich vor dem
flimmernden Altar sitze, anstatt diese Zeit für menschliche
Begegnungen, für Naturerlebnisse, für das Lesen schöner Bücher oder
das Hören schöner Musik zu verwenden, oder sie einfach nur zu
genießen, dann liege ich sogar über diesem Durchschnitt, fürchte
ich. Gut, dass ich mich am Anfang nicht einmischte oder gar nach
vorn drängte!
Irgendwie bereitete mir nun die ganze Sitzung keinen rechten Spaß
mehr. Ich verstand zwar, dass die Dämonen für ihre Unterstützung und
die Ermöglichung all des technischen Fortschritts, der uns lieb und
teuer ist, etwas haben wollen. Das ist nur recht und billig. Aber
unsere Leben, unsere Zeit ..... also, das gefiel mir nun gar nicht
mehr.
Und ich schloss wieder die Augen. Ich klinkte
mich kurzerhand aus. Mochten sie verhandeln was immer sie wollten.
Mochten sie voreinander prahlen oder miteinander streiten. Mir war
es einerlei. Ich wollte mit ihnen nichts mehr zu tun haben!
Kleine Kinder meinen, sie würden unsichtbar
werden, wenn sie nur die Augen fest genug schließen und auch noch
ihre kleinen Hände davor halten. Ich blinzelte, schloss mehrmals
hintereinander die Augen und öffnete sie wieder. Und siehe da: mit
jedem Öffnen und Schließen verblasste die Versammlung zusehends –
und verschwand schließlich zur Gänze. Ich hörte auch nichts mehr;
nichts raunte, sprach, schnaubte und applaudierte. Es war
mucksmäuschenstill, nur die Bäume raschelten leise im Nachtwind.
Nichts wies darauf hin, dass nur wenige Meter vor mir eine große
Versammlung getagt hatte.
Vielleicht lösten sie sich einfach auf, weil kein Beobachter mehr da
war, wie beispielsweise die Quantenphysiker von der Wirklichkeit der
Dinge und der Notwendigkeit des Wahrnehmenden behaupten. Ähnlich wie
Schrödingers Katze in der „blackbox“; oder hatte ich mich in ein
Paralleluniversum befördert? Es gibt viele kluge Leute, die sich
hier ihre klugen Köpfe zerbrechen mögen; zusammen mit ihren
leistungsfähigen Computern, die immer rascher rechnen - und immer
mehr Zeit (er)fordern.
Was mich betrifft, zähle ich
natürlich zu jenen vernünftigen Menschen, die
all diese Dinge für blanken Unsinn halten. Bereits als ich nach
jenem denkwürdigen Abend schlafen ging und nächsten Tag nach dem
Frühstück den Laptop auspackte, um die Geschichte niederzuschreiben,
stiegen in mir die ersten Zweifel auf, wie weit ich in dieser Sache
meinem Gedächtnis wohl Glauben schenken dürfe.
Ich sah das gewohnte farbige Glimmen vor
meinen Augen, vernahm das leise Scharren der Festplatte beim Booten,
registrierte das Öffnen des Desktops und spürte die vertrauten
Tasten unter meinen Fingern, als ich das Textprogramm aufrief, um
mit dem ersten Absatz zu beginnen.
Jetzt ist die Geschichte von jener
denkwürdigen Versammlung auf der einsamen Lichtung im Mühlviertel
eingetippt und abgespeichert. Und ich muss, bevor ich sie auch nur
ein erstes Mal selbst durchgelesen habe, gestehen, dass sie (außer
vielleicht für Quantenphysiker) in der Tat ganz und gar unglaublich
geworden ist!
Walter Kiesenhofer,
walkie@gmx.at |