|
|
|
Das Boot
mit den zwei fremden Frauen Dass sie einmal mit einem Boot an das andere Ufer fahren wollte, dafür brachten sie kein rechtes Verständnis auf. Sie dachten praktisch und fragten, wenn sie etwas Neues hörten: kann man das essen, was kann man damit tun.....So ging das Mädchen am Abend, nach den Hausaufgaben, gern allein hinunter zum Seeufer und hielt Zwiesprache mit den Wellen und den Fischen, die dort ihre Köpfe über die Oberfläche zum Himmel hinausstreckten und ihm manchmal, wenn ihnen danach zumute war, auch ein Stück entgegensprangen. Lila (so hieß das Mädchen) sah oft zum weit entfernten jenseitigen Ufer hinüber, wo man mehr erahnen als sehen konnte, dass Bäume und Häuser stehen mussten. Selten konnte sie Genaueres ausnehmen; sie hatte auch noch nie gehört, dass jemand schon dort gewesen wäre, und wie es dort wirklich aussah... Es war ein
schöner Frühsommerabend zu Beginn der Ferien, die Luft fühlte sich
angenehm weich und mild an. Die Lieder der Vögel meinten es gut mit
ihr und sie saß wieder allein unten am See. Da hörte sie mit einem
Mal ein wohltönendes Klingen, so als ob Gläser leise
aneinanderklirrten und viele hübsche Melodien andeuten wollten. Als
sie aufsah, glitt ein kleines Boot ans Ufer, das unter einem
hellblauen Segel in hundert Farben schillerte. Zwei Frauen saßen
darinnen, beide in ein langes hellblaues Gewand aus Seide gekleidet,
mit bunten Knöpfen um den Hals und einer langen Kette aus Muscheln
um den Hals. Beide waren blond, bloß die eine hatte die Haare lose
um ihre Schultern hängen, die andere hatte es zu vielen kleinen
Zöpfen geflochten, die lustig baumelten, wenn sie ihren Kopf
bewegte. Hallo Lila, willst du mit uns kommen, wir fahren über den
See! Die beiden Frauen sahen sehr fremdländisch aus, aber sie sprachen ihre Sprache, als wären sie von hier. Von wo sie wohl kommen mochten? Als hätten sie ihre Gedanken gelesen, antwortete die mit den kleinen Zöpfen: Wir kommen vom anderen Ufer, von der anderen Seite des großen Sees. Hab keine Angst! Mein Vater, meine Mutter! Ich muss sie vorher fragen! Lila konnte doch nicht so einfach davonfahren, die Guten würden sich bestimmt bald Sorgen machen. Keine Angst, entgegneten die Damen einstimmig, wir sprachen bereits mit ihnen. Sie sind einverstanden, weil sie wissen, wie sehr du dir das immer gewünscht hast. Komm, Kind, komm .... Lila erhob sich und war mit einem kleinen Satz an Bord des wundersamen Bootes. Oh, wie das roch und wie das duftete! Und wie freundlich sie empfangen wurde! Als sie vom Ufer abstießen und mit leisem Klingen auf das offene Wasser hinausglitten, fühlte sie sich so glücklich, dass sie weinen hätte können. Jetzt erst merkte sie, dass der Boden des wundersamen Bootes, in allen Farben schimmernd, gleichfalls durchsichtig war. Oh, wie sie sich freute, als sie die ersten Fische unter ihren Füßen beobachten konnte! Offensichtlich sahen die Fische auch sie im Boot sitzen, weil immer mehr und mehr unter das süße Fahrzeug glitten und sich bald darunter tummelten wie in einem gefüllten Aquarium. Oh, ihr lustigen Fische, sehe ich euch endlich ganz aus der Nähe! Sheila klatschte in die Hände und die Fische unter ihr schwänzelten den Takt dazu. So verging der
erste Tag. Lila brach sich zum Abendessen ein süßes Stückchen vom
hinteren Rand des Bootes, das nach Waldhimbeeren schmeckte und
schlief dann unter den Sternen ein, während die beiden Frauen das
Segel im leichten Wind hielten und leise Lider summten. Am zweiten
Tag war das Ufer, von dem sie abgestoßen waren, nur noch als dunkler
Strich zu erkennen. Das gegenüberliegende Ufer, zu dem sie unterwegs
waren, schien jedoch um nichts näher gerückt zu sein. Wasser rund um
sie, Wasser - und Fische. Die Fische unter dem Boot erweckten den
Anschein, als nähmen sie an Größe und Zahl zu. Es quirlte förmlich
unter ihnen. Die beiden Frauen schien das nicht zu kümmern, sie
nahmen keinerlei Notiz davon, überwachten bloß das Segel und setzten
ihren leisen Singsang fort. Am fünften Tag
begann Lila zu weinen. Sie vergoss Tränen der Enttäuschung, wohl
auch aus Angst und wegen der zunehmenden Sehnsucht nach ihrem
Zuhause. Die beiden Damen würden doch hoffentlich die Wahrheit
sagen; man würden schließlich das neue Ufer erreichen. Oder doch
nicht? Dieses unbekannte Ufer jedoch verharrte in der Ferne,
unnahbar und vage; so wie sie es kannte. Jenes Ufer, von wo sie
weggefahren waren, das lag nun ebenso fern und ebenso vage,
verborgen im Dunst des Tages. Sie befanden sich sicherlich in der
Mitte des Sees, das Mädchen weinte immer heftiger. Je mehr die
beiden Damen sie zu trösten suchten, um so mehr weinte es. Von daheim? Da begann sie noch lauter zu schluchzen und noch größere Tränen zu vergießen. Wie würde es Vater und Mutter gehen, ob sie wohl auch schon Sehnsucht nach ihr hatten, und ihre Schwester Julia, vielleicht sogar ihr Hamster Brutus. Wie gern wäre sie jetzt zuhause gewesen, das ganze Boot aus gesponnenem Zucker hätte sie dafür gegeben! Und so war des Schluchzens und Weinens überhaupt kein Ende mehr. Jeder Tropfen ihrer salzigen Tränen aber löste den Zucker des Bootes auf. Wohin ein Tropfen fiel, löste er den Zucker des Bootes auf und machte nicht halt, bis er durch den schimmernden Schiffsboden gedrungen war und sich im Seewasser auflöste. Auf diese Weise entstanden allmählich zehn, zwanzig, fünfzig kleine Löcher im Boden des Bootes, wodurch Wasser einzudringen begann, langsam und stetig. Es füllte das Boot, dieses sank tiefer und tiefer. So sind sie schließlich alle miteinander untergegangen in diesem großen See. Die beiden Damen, das Boot aus gesponnenem Zucker und Lila. Ganz nahe sah sie die großen Augen der Fische, ganz ganz nahe .... und schaute hinein und .... sah mit einem mal in die warmen braunen Augen ihrer Mutter. Sie fand sich in ihren Armen, im weichen Gras am Seeufer, wo sie offenbar eingeschlafen war und geträumt hatte. Ich habe mir Sorgen gemacht, Kind, weil du heute nicht zu deiner Zeit nach Hause gekommen bist. Gehen wir, es sieht ein wenig nach Gewitter aus dort im Westen, komm. In der Tat waren Wolken aufgezogen. Im Westen, wo das andere Ufer des Sees lag, sah man nichts mehr als eine graue Wolkenwand. Ja, Mutter, gehen wir. Sie schlang den rechten Arm um ihre Mutter und küsste sie ganz dankbar, bevor sie beide aufstanden und zum Haus zurückschritten. |
|
|
|
|
|
Walter Kiesenhofer, walkie@gmx.at |
|
|